22.7.2019

Linhart!

Ich stelle mir vor, jetzt geht die Phantasie mit Ihnen durch – die Erzählung über das prekär-ausschweifende Leben der Fadosängerinnen anno dazumal; die sehr kurzen Hosen der meisten Touristinnen; die mindestens in Vierteln eingeschenkten Gläser Wein; der salzige Wind;…vielzählige Sinneseindrücke beflügeln sie…Sie sprechen sogar davon, endlich einmal den Kaffeegenuss mit mir teilen zu wollen! Bleiben Sie auf der Welle, solange Sie können, da sind Sie so schön handlich!

Reisehinweis: Ein Espresso am Rossio kostet EUR 1,60, am Kiosk vor dem Friedhof Prazeres EUR 0,60.

Stellen Sie sich vor, in der schönsten Kathedrale von Lissabon gibt ein junger Mann unangekündigt und zufällig ein Orgelkonzert. Die Königin der Instrumente nimmt sich Raum bis in die letzte Ecke, ein Großteil der TouristInnen nimmt kaum Notiz davon, plaudert lautstark und unberührt davon weiter. Bach bräuchte Stille. Ich verlasse traurig die respektlose Szenerie…

Stellen Sie sich vor, am Bahnhof Oriente bestellte ich mir ein Hot Dog (Touristin!!) ohne Wurst. Der Verkäufer denkt kurz nach und bereitet mir das köstlichste Salat-Brötchen der Woche, obwohl Vegetarisches gar nicht auf seiner Karte steht…

Stellen Sie sich vor, mir gefällt eine Arbeit von Hundertwasser! Ein Kachelbild unter der Erde ….

Stellen Sie sich vor, der Kellner räumt grinsend und offensichtlich am Morgen ein Kondom vor dem Eingang seiner Prelerija weg und stellen Sie sich vor,  ich entdecke ein sehr ähnliches Corpus delicti auf der Rückseite von Bosch’s Tryptichon von “ der Versuchung des hl. Hyronimus“….

Stellen Sie sich vor, ich finde die empfohlene Naturweinbar Comidia Independent in der Rua da Cais do Tojo und stellen Sie sich vor, der Somelier kredenzt uns als Abschluss der Weinkost einen perfekten Portwein und stellen Sie sich vor, der war aus Spanien! Ihm war jede Süße genommen, es blieb das bittere Trauben-/Alkohol-/Mandel- und Sonstnochwas-Konglomerat. Betrunken ließ ich mich ins Hotel wanken! ….

Montag.

Stellen Sie sich vor, Sie kennen jemanden schon so lange Sie sich erinnern mögen und Sie erkennen sie hinein bis in die Seele, also zugleich gar nicht und nichts und niemand könnte Ihnen dieses Wissen nehmen, und stellen Sie sich vor, wie unendlich groß der Spielraum zwischen Ihnen beiden sein muss, damit Ihrer beider Atem strömen kann, Hand in Hand mit der Stetigkeit der Allgegenwart, ungehindert dem Begehren entlang, dem Kairos einer Sternstunde entgegen. Stellen Sie sich vor, eine tosende Meeresbrandung an einer Felsenküste; so viel Spielraum wie ihn das Meer sich nimmt, müsste es wohl sein…

Dienstag.

„Es gibt ja noch mehr als Beziehung!“, welch hoffnungsvoller! (bedeutungsschwerer!/zukunftsweisender!/eschatologischer!!unerotischer!/erboster!)  Satz aus Ihrem Munde, nach einer traumlosen Nacht! Heute sind Sie alles andere als katholisch!

Ich spitze meinen Bleistift.

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