Am Fluss

Steuerbord die Rabensburg
riecht die Thaya fast nach
Meer

Große und kleine Bäume
lassen sich ins Wasser
fallen

Wir müssen
auf das neue Schlauchboot
aufpassen

Dort wo wir jetzt
in die March
münden

schauen wir das erste
Mal zurück so
fasziniert

Es ist soviel grün
im Blau der Ordnung 
nach

Die Fischer fragen uns
nach Gelsen, kaum ufer-
geschützt

Noch vor dem nächsten Regen 
bewegen wir uns
sanft

stromabwärts in unsren Herzen 
leuchtturmrot Donaukilometer
null
M. Linhart

Ein garten meiner kindheit

Ribisel

Lienz
Lienz war damals noch sehr beschaulich und einen Garten rund um das Stadt-Haus zu besitzen, der Normalfall. Meine Großtante lebte in solch einem Haus mit großem Garten. Er unterschied sich in Vielem von den Gärten, die ich vom Mölltal kannte. Unter anderem dadurch, dass das Klima des Lienzer Talbodens deutlich wärmer war als jenes des Tales zwischen Heiligenblut und Winklern. Auf jeden Fall gab es im Garten meiner Großtante ein früheres Frühjahr, längere Sommer und einen ausgedehnteren Herbst. Das schlug sich zum Einen in den dort vorherrschenden Gerüchen nieder
(…die hochsommerliche Feuchtigkeit des Morgentaus zwischen den Apfel und Birnbäumen, die brütend heiße Sonne gelehnt in die hölzerne Gartenlaube, die ausladenden Komposthaufen in der hintersten Ecke des Grundstückes,…), zum Anderen in der Auswahl der angebauten Pflanzen und Früchte:
Sehr frühe Erdäpfel, Kopfsalat, Zuckerhut und Endivien, Astern, Löwenmäulchen und Schleierkraut, Buschbohnen, Tomaten hochgezogen am Holzstab, Marillen am Spalier an der Hauswand und lange Reihen von schwarzen, roten und weißen Ribisel. Diese zu pflücken bedeutete für uns Kinder immer einen absolut langweiligen Tag zu verbringen, hockend unter einer Ribiselstaude, ausgestattet mit einem 10l Kübel und dem nachdrücklichen Auftrag: „Der muss voll werden!“. Ribiselsaft schmeckt mir bis heute nur sehr bedingt. 

Keramikfliese, roh

In meiner Werkstatt muss ich mich dieser Tage entscheiden, wie ich mit getöpferten Erinnerungsstücken weiterverfahren möchte:
Ungebrannter Ton verändert sich bei Regenwetter drastisch, zerfließt und wird zu Erde (deshalb ist es auch so sympathisch leicht, Lehmhäuser zu recyceln!),
gebrannter Ton kann Jahrtausende überdauern…

Kein Gedicht

Ende einer Ära

Das Wort „Graf“ kann man von der Wortherkunft einerseits als „Schreiber“, andererseits als hohen römisch kaiserlichen Finanzbeamten deuten. Beides trifft bei dem ehemaligen Betreiber des Etablissements Graf (vormals Bahnhofswirtshaus) zu. Nicht nur als Schreiber bei unzähligen Kartenpartien, auch als Clubchef der Sonderklasse ist und war er uns bekannt. Was meine ich mit Sonderklasse? Nun, es war kein (offizielles) Gasthaus, es war für mich und einer kleinen Herde  Kulturmenschen im Raum Sulz definitiv mehr. Ein Achterl Wein ist bald wo getrunken, ein zweites auch, aber ab dem dritten und vor dem ersten braucht man eine Atmosphäre der sinnvollen Leidenschaft, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht. Formulieren wir es vorschichtig als Geborgenheit, wenn es einen Tisch, oder eine Budel gibt, wo Mann und Frau so reden können, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist. Wo man Dinge erfährt oder manchmal auch los wird, die einem das Herz erleichtern. 

Wie aber war das Wunder der einfachen und hohen Kunst der Geselligkeit möglich? 

Die Empfangsdame, gleichzeitig auch Servicechefin, leitete das operative Geschäft, Gäste kamen und gingen, der Graf sah, sprach und genehmigte sich und uns etwas. Man spielte mit Worten, Karten und Neuigkeiten, als ob es kein Morgen gäbe.

Aber es gibt ein Morgen, zwar ohne Etablissement Graf, aber mit einer starken Erinnerung.

Der ehemalige Montagskunde 
Manfred Linhart

Hochbeet

Im Waldviertel wurden Holzbienen und Felsenbirnen gesichtet.

Im Waldviertel geht man in den Wald und findet Schwarzbeeren und Steinpilze, ohne danach gesucht zu haben.

Im Waldviertel  liegt jedes Haus aus in Gehreichweite zu einem Teich, in dem man schwimmen kann.

Im Waldviertel bauen sie unvergleichliche Hochbeete, das sind wahre Kunstwerke!

Im Waldviertel belässt man genügend Grünstreifen zwischen den Äckern, damit sich Kiebitze wohl fühlen und mit viel Wirbel über unsere Köpfe ziehen.

Im Waldviertel dürfen Kornblumen im Getreidefeld wachsen.

Im Waldviertel macht meine Schwester einen Sensenmähkurs.

Im Waldviertel kannst du ganz unkompliziert ein Zimmer mit Blick auf den Kreuzgang mieten.

Und: 
Im Waldviertel hab ich eine sehr spezielle Form von Barfußgehen kennengelernt: da ist es üblich, sich die Schuhe auszuziehen und mit den Socken über die Flure und steinigen Wege zu spazieren, möglichst nah dem Erdboden und möglichst schmerzfrei für die Fußsohle. Das ist in der Gegend von Gmünd die übliche Gangart, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen!

Wer wagt es, diesen Landstrich als vergessen zu betrachten!

In meiner Werkstatt entstehen dieser Tage Regenpfützen.
(Sind beim Fotografieren verdampft)

Vogelkirschen

Ich kenne keine bessere, den Geschmack betreffend, als diese: bitter, schwarz, rauchig, tief.
Jene Kärntner Nudel
gefüllt mit Vogelkirschen, 
die man zuvor getrocknet (nicht entkernt!) und gemörsert hat, 
vermengt mit Topfen, Erdäpfeln, Gewürzen und Munggn (altkärntner bäuerliche Speise aus Hafer-, Gersten-,Roggen- und Bohnenschrot), 
die nur Eingesessenen schmeckt, 
weil sie die besondere Konsistenz von klein auf gewöhnt sind
und die Gäste von auswärts nicht in den Schlund bekommen, 
weil sie Angst haben,  sich mit den groben Kirschkernteilchen der aufwändig zubereiteten Fülle zu verletzen,
sind mir deshalb, also aufgrund des Geschmackes, die allerliebsten. 

Die langen Tage werden ab heute wieder kürzer. Gott sei Dank, dann muss ich nicht mehr so lange arbeiten! sagt der Herr Gemahl, er, der die Taghelle für sein Tagwerk nutzt und dem Anschein nach das Winterdunkel dem Sommerlicht vorzieht. Die Bäume voller Kirschen, der Tag voller Licht und einen willigen Gespann, der die Leiter raufsteigt. Alles passt perfekt!

weißer Ton, ungebrannt

In meiner Werkstatt entstehen zur Zeit tropfende Gefäße, die mich im Winter trösten werden.

Melde

rote Gartenmelde

Die wächst heuer wieder einmal ohne unser Zutun. Und findet durch die ansprechende Farbe Platz in nur allen erdenklichen Speisen. Salaten, Saucen.
Ich höre davon, dass die grüne Schwester dieser Unerschütterlichen gleich nach dem Krieg Hauptnahrung war. Ein Unkraut, das auf dem Schutt zerbombter Häuser wucherte. Leitet sich daher das Wort „unerschütterlich“ her? Unerschütterlich vor sich hinwachsend?

Heuer sehen die Gärten, in die ich schauen darf, besonders ausführlich umsorgt aus. Und jede Gärtnerin, jeder Gärtner verfolgt Lieblingsstrategien: „Ich setze nun seit Jahren mehrere Wolfsmilchpflanzen gegen Wühlmäuse, das hilft allerdings überhaupt nicht!“,  erklärt mir der begnadete Gärtner. „Verwende weiße Lichtnelkenblätter für den Spinat, die schmecken dezent säuerlich-herb.“, empfiehlt mir die wildkräuterkundige Freundin. „Machen Sie in Zukunft Kraterbeete, damit sich der Tau sammeln kann!“  schlägt die Klimaforscherin aus dem Radio vor. „Ich hab mein Lebtag die Erdäpfel in eine Mulde gesetzt, diese erfolgreiche Idee hat mein Mann aus der Asten mit in die Ehe gebracht, erzählt die Minut Lisl. „Kein Baum wächst in den Himmel“, sagt meine Mutter.

Steinzeugteller

In meiner Werkstatt entsteht zur Zeit immer noch Gebrauchsgeschirr. Langsam und kontinuierlich an einem Lehm-Rund arbeiten, das ist Arbeits-therapie für eine an der Seele Ermüdete.

5. Mai

Sie blühen ins Nichts
Haltlos wie dünnes Gras
Sind ins Stocken geraten
Die brauchbaren Wörter
Des Trostes

Der innere Lärm
Macht Zärtlichkeit vergessen
Trotzen der Schwermut des Regens 
Die brauchbaren Wörter
Des Trostes

Den brauchbaren Wörtern des Trostes
Scheint die Sonne vergesslich, nachts
Da wir sie nicht sehen
Hört sie niemand
Sonst

Manfred Linhart

Stein

Heiliger Stein, Mitterretzbach

Ihm wird Heilkraft nachgesagt. Nicht bloß dem Ort, an dem er sich befindet, auch dem Stein selber. Soll ich meinen Kopf auf ihn legen, ihn umarmen, ihn konzentriert anschauen? Soll ich von ihm abbeißen, ihn abschlecken, ihn auskratzen und das Pulver in meinen Tee streuen?

Wir befinden uns 200 Meter von der Tschechischen Grenze entfernt. Alle Viertelstunde fährt ein Militärfahrzeug vorbei, um zu kontrollieren, dass unsereins nicht doch über die Grenze geht. Vielleicht kontrollieren sie auch unsere Distanz zueinander. 

Ich sehe eine Frau mit einem weißen Kopftuch in ihrem Vorgart’l jäten. Sie trägt das Kopftuch auf jene Art, wie es meine Großmutter getan hat – und Sophia Loren. In dieser Kulisse fühle ich mich um Jahrzehnte zurückversetzt.

Flache Teller

In meiner Werkstatt entsteht dieser Tage wieder einmal Gebrauchsgeschirr. Die Menschen sind hungrig nach Einzigartigem, Unverwechselbarem. 

Gartenzaun


Nachbarn zu haben hat immer mindestens zwei Seiten.
Man hat sie, ob man sie will oder nicht will. 
Sie haben einen, ob sie wollen oder nicht. 
Manchmal stellen sie dir gutes Essen mit dazu gelieferter Tischdecke vor die Tür, manchmal anderes.
Manchmal denke ich zum Beispiel an Viktor Orban, wenn ich an Nachbarschaft denke.
Manchmal summe ich das Lied, das Helmut Qualtinger so wunderbar interpretierte, direkt über den Gartenzaun: „A Rücksicht, a Nochsicht, do miassat i speib’n…“.  Den weiteren Text hier wiederzugeben, ist mir peinlich und gäbe Einblick in die Untiefen einer schwachen, einseitig fokusierten Seele. (Kann die Seele grantig sein?!)

Die Fenster jedoch, in Alternativen zu denken, stehen sperrangelweit offen: Höflich sein, Irritieren durch Freundlichkeit, eine kleine Reise unternehmen und lange weg bleiben, den Gartenzaun pink streichen, sich im Stillen Schönes vorstellen, anstelle des vorher zitierten Liedes „Yesterday“ anstimmen…

Heuer setze ich die Melanzanipflanzen zu den weißen Bohnen und den Kohlrabi zu den Roten Rüben: auf eine gute NachbarInnenschaft!