3. Februar 2019

Kommt her, ich hole Wein
Jes 56,12

Lieber Winzer Linhart!

Sie erzählten mir unlängst aus Ihrer Kindheit und ich möchte mit Ihnen jetzt über Ihre Tochter sprechen. Lange ist es bereits her, dass sie flügge geworden, das Haus spürbar verlassen hat. Heute beglückwünsche ich Sie, den Vater dieses Kindes zu dieser Beziehung! Morgen soll sie in ihrer Defensio unter anderem das verteidigen, was ihr am Wein liegt.

Was ihr am Wein liegt, hat sie zuallererst bei Ihnen lernen dürfen. Die Leidenschaft an diesem Kulturgut, an diesem widersprüchlichen Lebens- und Leidensmittel, an dieser starken Pflanze, dieser Luxusflüssigikeit. Der Wein in all seinen Entwicklungsphasen trägt gleichzeitig immer Spuren höchster Sinngebung und des Todes an sich. Grund genug, einen Teil des eigenen Herzblutes ihm zu verschreiben und wertvolle Lebenszeit mit ihm und seinen Spielarten zu verbringen.

Ich nehme an, Sie sind stolz und dankbar über dieses ungeplante Geschenk der Übereinstimmung und des unausgesprochenen Verstehens. Ich nehme an, Sie freuen sich darüber, dass Fruchtbarkeit so unfassbare Wege nimmt und zu einem sinnlichen Glück verhilft.

PS: Zu guter Letzt bin ich ein bissl schelmisch: Können Sie sich Tochters Master-These jemals merken?!: The source-sink balance effect on cluster development investigated on potted Vitis vinifera cv. Zweigelt plants

28. Jänner 2019

Heute feierte ich meinen Namen.
Der selige Manfredo soll als Einsiedler am Comosee gefastet haben. Ich bin nur fast so weit  gekommen. Nach  Bischofshofen nämlich.
Als Kind verbrachten wir öfter den Sommerurlaub im Hochköniggebiet. Ich erinnere mich noch stark an die Orangenlimonade „Bluna“, die Styler Mission St. Rupert und vor allem an den Bahnhof, der damals einer der größeren war. Stundenlang verbrachten wir mit Züge beobachten und Durchsagen hören. Am Schluss wurden mein Bruder und ich mit einem Matchbox Auto belohnt. Hier waren wir im Himmel, was sie als Bergmensch wahrscheinlich nicht verstehen werden. Es gab da einen Steig von unserem Quartier zum Bahnhof, an dem ich mir jedes Jahr exakt am dritten Urlaubstag den Knöchel verstauchte. Beim Züge beobachten störte das kaum. Vierzig Jahre später habe ich mir  nach meiner Glockner Erstbesteigung beim Auslauf das linke Sprunggelenk gebrochen. In Bischofshofen war stets nur das rechte bedient.

Ihr Linhart

27. Jänner 2019

Lieber Linhart! Ich bin erstaunt! Politische Ansagen schriftlicher Natur bin ich von Ihnen nicht gewohnt. Ihre Hilflosigkeit gegenüber der tolldreisten Unverfrorenheit und Gefährlichkeit unserer momentanen Regierung lässt Sie nicht sprachlos zurück. Das gefällt mir. Ich selber bin ein demonstrierendes Fragezeichen: Wie kann ein Gutteil jener Menschen, denen ich täglich (mehr oder weniger) begegne, es für gut heißen, dass sie nicht mehr selber denken dürfen?

Im Kaffeehaus meiner Lieblingstankstelle bedienen mich schon seit einigen Jahren die selben Kellnerinnen. Vielleicht passen die Arbeitsbedingungen. Die Atmosphäre und der Kaffee passen jedenfalls. Manche der Gäste grüßen einander mit Handschlag. Andere sind auf Durchreise und kennen kaum jemanden. Man kommt sich nicht gestrandet vor, sondern willkommen.

Früh um sieben Uhr sitzt mir in der S-Bahn eine junge Frau gegenüber, ganz ungeniert packt sie eine Toiletteutensilie nach der anderen aus, um ihre morgendliche Körperpflege durchzuführen.
Gesichtscreme, Haarbürste, Wimperndusche, Lippenstift, Lidschatten, Ohrringe…In aller Ruhe vollendet sie hier, wozu die Zeit daheim nicht mehr gereicht hat. Ein sehr intimes Schauspiel, finde ich.

Die drei Jugendlichen am Nebentisch in einem Kaffeehaus in Z. rauchen zwischen dem Burger und dem Moor im Hemd jeweils zwei Zigaretten. Ich sitz so nah, dass ich bei ihren Gesprächen mithören kann. Nachdem einmal geklärt ist, wie viel das Wichsergebnis im Vergleich zwischen morgens und abends wiegt, erzählen sie einander die Kennenlerngeschichten ihrer Eltern.

Die Schwiegermutter von A. ist 90 Jahre alt, fährt mit dem Rad durch die Stadt, hüpft über ihren Gartenzaun, anstatt das Gatter zu öffnen um durchzugehen und ist beim Seniorenturnen die Vorturnerin. Ihr Mann – bereits seit Jahrzehnten verstorben, hat sie damals geheiratet, weil sie in einem Theaterstück sehr eindrucksvoll die Rolle der Wildkatze spielte. Das hat für seinen Heiratsantrag und ein gemeinsames Leben gereicht.

Wer von all diesen Menschen hat ein Interesse daran, dass es uns schlechter gehen soll?
Bleiben Sie wach! Mit mir…
Stets die Ihre.

Wenn ich genug vom Atmen habe, öffne ich die Augen…

26. Jänner 2019

In Dresden läuft heute Abend das als extrem anti-AFD eingestufte Theaterstück “ Das blaue Wunder“ an. In einem „Die Zeit“ -Artikel sah man den Skandal vorprogrammiert. Das hatten wir doch schon bei der Peymann Regierung im Burgtheater. Jelinek und  Bernhard gegen den Rest der rechten Welt. Ich halte beide eigentlich nur für gute Literaten. Wie gehen sie mit Radikalismen künstlerisch um?

Ich diskutiere lieber von der Mitte aus, aber unser Innenminister, der die (seine) Politik über das (Verfassungs-) Recht stellt, gehört anständig abmontiert, auch wenn er sonst so ein guter Zuhörer und Reflektierter ist, wie heute die ÖVP Staatssekretärin des Innenministeriums verlauten ließ. Ich vermute da ein eigenartiges Gspusi, das sich natürlich rechtlich nicht halten lässt.  Im übrigen bräuchte es meiner Ansicht nach gar nicht so sehr immer um die straffällig gewordenen Flüchtlinge gehen, weil da regt sich eh niemand abschubsmäßig auf, sondern eher um die nichtstraffälligen. Die sind ja mehr auch wenn sie weniger werden.

Mein Schlusssatz soll aber ein unpolitischer sein. Morgen hat Mozart Geburtstag. Einfach so.

Ihnen zu Ehren: Linhart

5. Jänner 2019

Mutters Neujahrsansprache.
Ich spreche mit meiner Mutter am Neujahrstag. Dieses Mal überrascht sie mich mit einer ungewöhnlich fröhlichen Ansage: „Die Generationen nach mir sind derart lebensbejahend“, meint sie,  „ich glaub, es geht uns deshalb so gut, weil viele junge Menschen so positiv denken und reden…Dass es einem gut geht, hat eben viel mit dem Denken zu tun…und dass man Freude an einer Arbeit findet, hat mit dem Herzen zu tun…“
Mutter erzählt mir außerdem, dass sie  beim Nähen der Puppenkleider für die Puppen ihrer zwei jüngsten Enkelkinder bemerkte, dass diese Verwandlung eines einfachen Stückes Stoff in ein schmückendes Ensemble den Kleinen wie Zauberei vorkam. Die staunende Begeisterung der beiden: eine unerwartete Wertschätzung.

Unlängst ging ich für zwei Stunden lang wortlos neben einem Mann durch den 16. Wiener Gemeindebezirk. Beide blieben wir für uns, in unsere Gedanken versunken. Trotzdem tat sich die Frage auf: Weshalb machen wir das?

Ein Freund ist krank.
Es ist laut im Kaffeehaus. Er ruft mich an. Wir telefonieren, verstehen einander kaum. Hoffentlich sehen wir uns bald.

Für Sie, lieber Linhart diese drei Wahrnehmungen rund um den Jahreswechsel. Die Liebe, ein Ja zur Zugehörigkeit…meine momentane, tiefenentspannende Urlaubssituation lässt keinen anderen Schluss zu. Unter anderem so – und mit Schnapsbrennen – verbringe ich die „Schlankeltage“.



Vor Silvester 2018

Liebe Plößnig!

Was machen Sie so an den Schlankerltagen? Vorgestern hatte ich das erste Mal wieder Hunger aufgrund manueller Arbeit und nicht vom ständigen Essen und Trinken. Ist es nicht typisch katholisch, dass man sich die Weihnachtstage schön säuft? Da kann keine andere Weltreligion mithalten.

Komisch, mich interessiert Nüsse, was vergangenes Jahr alles schief lief. Auch nicht die besonders guten Dinge, deren ich mich noch weniger entsinne. Mein Fazit lautet: Es war ziemlich lang ziemlich sehr heiss.

Gestern hörte ich ein sehr spannendes Hörspiel auf Ö1. In „The who and the what“ schreibt eine junge Muslima ein Buch über Mohamed und dessen Mutmaßungen, auch im sexuellen Bereich. Mit ihrer immensen Aufgeklärtheit bringt sie ihren Vater samt muslimischem Umfeld zur Verzweiflung. Wer zweifelt, liebt doppelt, ganz so wie ich es schon in einem früheren Brief an Sie vermutet habe.

30. Dezember 2018

Ist ein See
Sinnbild für
die Seele?

Weihnachten.
Der Ast mit den Fichtenzapfen hängt im Raum und verliert Samen. Waldstimmung in der Küche. Trotzdem kehre ich die ausgefallenen Samen jeden Morgen mit dem Besen weg.

Arnold.
Nach dreimonatiger Konzentrationsschwäche schaffe ich es endlich wieder, einen längeren, zusammenhängenden Text sinnerfassend (hoffentlich!) zu lesen. Schade, dass es der Autor nur bis Seite 56 durchhält, seine Selbstgefälligkeit nicht durch seine Gedanken scheinen zu lassen. Ich lese weiter. Eine Chance bekommt er noch. (Auch ich kann das gut, selbstgefällig sein.)

Weinwurm.
Ich verabrede mich mit einer Freundin zum Abendessen. Das Lokal wählt sie aus und überrascht mich: Ein kleines, altes Milchhaus, umgebaut zu einem gemütlichen Beisl. Ein paar wenige Tische und Stühle, aufgeteilt auf zwei Räume. Liebevoll eingedeckt, ein Teelicht brennt im Fichtenzweig. Das Wirtshaus-Ehepaar – zuständig für alles, der Mann serviert zuvorkommend und unaufgeregt, die Frau kocht österreichisch-griechisch. Die kleine Karte: Ouzo. Griechischer Bergtee. Muskat Otonell. Griechische Vorspeisenplatte. Linsensuppe. Kürbisgulasch. Wir bleiben bis zur Sperrstunde!

Wann suchen Sie mit mir wieder einmal ein unbekanntes Lokal auf, Herr Linhart?

27. Dezember 2018

Lieber Linhart!
Der Sinn von Adventkalendern liegt ausschließlich darin begründet, dass in den dunkelsten Tagen viele Türen aufgehen. Fenster zum Licht.

Ich denke heuer rund um Weihnachten viel nach über den süßen Schmerz. Er sucht mich heim dieser Tage, die reichlich gefüllt sind mit köstlichem Essen, gutem Wein und innigen Umarmungen. Ziemlich sicher haben wir uns schon einmal über dieses berühmte „Jetzt“ ausgetauscht, dessen Lebendigkeit mit der Intensität des Schmerzes zunimmt. Ich verrate Ihnen, viel vom sehr Schönen bereitet mir eine derartige Liegestatt. Hinter der 25. Tür versteckt sie sich, und hinter der 26. uswuswusw., hinter jenen Türen, die bestimmt sind für die besonders sehnsüchtig Wartenden. Für jene, die finden, wonach sie gar nicht suchen.
Der Moment wird zum hellen Ereignis. Sie werden ZeugInnen der Geburt eines Sternes.

3. Dezember 2018

Normaler Weise übe ich für diese Zeilen in einem Word-Dokument, heute schreibe ich ihnen das erst mal direkt ins All.

Ich weiss, was sie wirklich lieben. Adventkalender, stimmt´s ?
Mann und Frau schenken mir schon lange keinen mehr, weil ich  konsequent vergesse, diverse Türchen zu öffnen. Nicht, dass es schöne Adventkalender gäbe, aber hier fehlt mir die morgendliche Verspieltheit. Deswegen frühstücke ich auch kaum. Warum soll ich mir künstlich Hunger einreden zu dieser wertvollen Tageszeit?

Und dann soll ich noch an einem Kabarettprogramm zur Vorweihnachtszeit schreiben. Wie gefällt ihnen der Titel „Punschlos glücklich“?  Was ist das Wesen dieser Nichtfastenzeit, diese Konsum orientierte Hinführung ins Nichts, ins genau Unmenschliche?
Eine Zeit, die nur Kinder verstehen ist nichts für Erwachsene, gleichgültig, ob wir es nun sind oder nicht. Und wozu braucht ein Stern einen Schweif?

Also weil ich ein Adventkalenderverweiger bin und keine Ahnung von Weihnachten habe, deswegen unter-halte ich mich mit ihnen so gern.

Ziemlich sicher hilflos Ihr
Linhart

24. November 2018

Linhart, ich bin erleichtert, dass Sie wieder Fragen haben. Ihr Verstummen hat mich verunsichert…

Spinnen
Louise Bourgeois hat eine riesige Spinnenskulptur geschaffen und sie „Maman“ genannt. Man sagt der Künstlerin nach, dass sie Spinnen liebte.

Im Haus, in dem ich wohne, gehören Spinnen zu den vertrautesten Mitbewohnerinnen. Ich würde keine von ihnen töten. (Bei Ameisen bin ich da leider nicht so zimperlich.)

Es sind keine Papiertaschentücher zu finden. Ich greif auf meinen Stofftaschentuchvorrat zurück. Jenes, das zuoberst liegt, ich entfalte es und sehe ein gestopftes Loch. Netzartig und feinst gewoben mit Zwirn. Ich bin zu Tränen gerührt.

Unabhängig davon, ob Sie glauben zu spinnen oder nicht, meine Liebe ist etwas für Spinner, warum denn nicht?!

Zahnarzt.
Würde es eine vorangehende Gesichtsmassage erleichtern, den Mund ganz entspannt zu öffnen für meinen heiß gehassten Zahnarzt? Dabei macht er seine Sache ausgesprochen professionell und handwerklich perfekt. Ich finde es jedes Mal unverschämt übergriffig, mit welcher Selbstverständlichkeit in einem meiner intimsten Körperinnenräume herumhantiert wird. Da rede ich noch gar nicht vom Schmerz oder von der Angst vor dem Schmerz oder von der Qual, nicht schlucken zu können, nicht spucken zu dürfen, nicht davonlaufen zu können, …
Nach jeder Behandlung ist die Erleichterung darüber, es überstanden zu haben, dermaßen groß, dass ich dem Arzt voller Dankbarkeit einen warmen Händedruck schenke, quasi die Aufforderung für die nächste Begegnung im Behandlungszimmer: „Bitte, quäl mich!“

Tod
Wenigstens einen Menschen wünsche ich Ihnen, dem Sie sich vorbehaltlos anvertrauen. Das Gleiche gilt für mich. Dann ist Vieles gut.