Am Fluss

Steuerbord die Rabensburg
riecht die Thaya fast nach
Meer

Große und kleine Bäume
lassen sich ins Wasser
fallen

Wir müssen
auf das neue Schlauchboot
aufpassen

Dort wo wir jetzt
in die March
münden

schauen wir das erste
Mal zurück so
fasziniert

Es ist soviel grün
im Blau der Ordnung 
nach

Die Fischer fragen uns
nach Gelsen, kaum ufer-
geschützt

Noch vor dem nächsten Regen 
bewegen wir uns
sanft

stromabwärts in unsren Herzen 
leuchtturmrot Donaukilometer
null
M. Linhart

Kein Gedicht

Ende einer Ära

Das Wort „Graf“ kann man von der Wortherkunft einerseits als „Schreiber“, andererseits als hohen römisch kaiserlichen Finanzbeamten deuten. Beides trifft bei dem ehemaligen Betreiber des Etablissements Graf (vormals Bahnhofswirtshaus) zu. Nicht nur als Schreiber bei unzähligen Kartenpartien, auch als Clubchef der Sonderklasse ist und war er uns bekannt. Was meine ich mit Sonderklasse? Nun, es war kein (offizielles) Gasthaus, es war für mich und einer kleinen Herde  Kulturmenschen im Raum Sulz definitiv mehr. Ein Achterl Wein ist bald wo getrunken, ein zweites auch, aber ab dem dritten und vor dem ersten braucht man eine Atmosphäre der sinnvollen Leidenschaft, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht. Formulieren wir es vorschichtig als Geborgenheit, wenn es einen Tisch, oder eine Budel gibt, wo Mann und Frau so reden können, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist. Wo man Dinge erfährt oder manchmal auch los wird, die einem das Herz erleichtern. 

Wie aber war das Wunder der einfachen und hohen Kunst der Geselligkeit möglich? 

Die Empfangsdame, gleichzeitig auch Servicechefin, leitete das operative Geschäft, Gäste kamen und gingen, der Graf sah, sprach und genehmigte sich und uns etwas. Man spielte mit Worten, Karten und Neuigkeiten, als ob es kein Morgen gäbe.

Aber es gibt ein Morgen, zwar ohne Etablissement Graf, aber mit einer starken Erinnerung.

Der ehemalige Montagskunde 
Manfred Linhart

5. Mai

Sie blühen ins Nichts
Haltlos wie dünnes Gras
Sind ins Stocken geraten
Die brauchbaren Wörter
Des Trostes

Der innere Lärm
Macht Zärtlichkeit vergessen
Trotzen der Schwermut des Regens 
Die brauchbaren Wörter
Des Trostes

Den brauchbaren Wörtern des Trostes
Scheint die Sonne vergesslich, nachts
Da wir sie nicht sehen
Hört sie niemand
Sonst

Manfred Linhart

Karfreitag in Hühnerbergen

Schicht um Schicht
Umspült von seichtem Meer
Die fossile Wand
Zwölf Millionen Jahre später
Klagt ein fremdes Ich
Gehörmuschellang

Jerusalem hat kein Meer
Ausser das der Tränen
Wie schön die Stille
Ostern kommt glaubhaft
Ohne Glocken

Glaube versetzt keine
Berge im Laufen
Gegen diese Wand
Nur das Innehalten
Bewegt die See

Manfred Linhart

November 19

Es zeigt, wie schön wir es haben, meint der Fotograf (T. Kulcsar)

Eins.
Ein Blick zurück in den Sommer, die Schatten hinter uns lassend. 
Das Geschenk der Natur ist immer neu. In jedem Augenblick. Mir ist klar, sie braucht unsere Wahrnehmung nicht, um beseelt zu sein, vielmehr beseelt sie uns, indem wir uns ihr nähern.

Sie sagen’s mit Rilke: 

http://kabarettwein.und-so.at/wp-content/uploads/2019/11/Rilke-3.mp4

Zwei.
Unlängst macht der Sohn ausnahmsweise einen Herbstspaziergang mit der Mutter unter der Bedingung, während der Kurzwanderung ein Gedicht auswendig zu lernen. Das erinnere ihn so an seine Schulzeit. Da waren diese Ausschreitungen mit der Erziehungsberechtigten immer gekoppelt mit Französisch-Vokabel-Lernen (verhasst) oder Gedichtauswendiglernen (erträglich). Französisch können beide kaum mehr. 
Sich ein Gedicht einzuverleiben war allerdings unlängst ein richtiges Vergnügen.

Drei.
Die Geborgenheit, die darin liegt, sich die richtigen Speisen auf der Zunge zergehen zu lassen:
Brimsen, kräftig. 
Walnuss, frisch aus dem Gehäuse.
Zichorie, bitter.

28. Oktober 19


Lieber Linhart! 

Sie verlieren mich?
Heißt das, Sie sehen mich neu? 
Oder vermuten etwas, das Sie nicht kennen von mir? Lässt sich Ihre Nachricht vom August so deuten?  Anderes fällt mir dazu nicht ein und nicht zu. Ich versuche jetzt, von mir ab zu sehen und auf Distanz zu gehen. Zu mir.  So erzähle ich Ihnen vom roten Sofa, das seit kurzem erst in meiner Werkstatt Platz gefunden hat. Ich sitze am roten Sofa und sehe:

zu Viel.

(Ohne Distanz zu mir:
Steht mir der Sinn nach ausräumen, wegräumen, lüften.
Steht mir der Sinn nach einem Raum, klärender als Sonnenschein.)

lost in lissabon

Plößnig, ich muss Ihnen noch etwas sagen. Ich verliere Sie. Ich, oder meine literarische Physis endet in Lissabon, einer Stadt, in der die Schiffe stehen und die Stadt sich bewegt.

VORLETZTER TAG

Im hop-on-hop-off-Boot quere ich den Tejo zur Cacilhas Pier. Wie vermutet, ist es hier etwas prunkloser. Im Hafen liegt ein schwarzes U-Boot auf Gerüstböcken. Die Wohnung des Teufels wird renoviert. Frech und schwanzlos steht es in einer Wanne ohne Wasser. 
Über das Ufer erstreckt sich ein Lösshang, umsäumt von Hafenruinen, so regelmäßig verfallen, als seien es gewachsene Filmkulissen. Wo Löss ist, muss doch auch Wein sein!
Oberhalb segnet die übertriebene Christusstatue die vom Straßen- und S-Bahnverkehr ächzende Hängebrücke. Wann wird sie der Teufel holen?