5. Mai

Sie blühen ins Nichts
Haltlos wie dünnes Gras
Sind ins Stocken geraten
Die brauchbaren Wörter
Des Trostes

Der innere Lärm
Macht Zärtlichkeit vergessen
Trotzen der Schwermut des Regens 
Die brauchbaren Wörter
Des Trostes

Den brauchbaren Wörtern des Trostes
Scheint die Sonne vergesslich, nachts
Da wir sie nicht sehen
Hört sie niemand
Sonst

Manfred Linhart

Karfreitag in Hühnerbergen

Schicht um Schicht
Umspült von seichtem Meer
Die fossile Wand
Zwölf Millionen Jahre später
Klagt ein fremdes Ich
Gehörmuschellang

Jerusalem hat kein Meer
Ausser das der Tränen
Wie schön die Stille
Ostern kommt glaubhaft
Ohne Glocken

Glaube versetzt keine
Berge im Laufen
Gegen diese Wand
Nur das Innehalten
Bewegt die See

Manfred Linhart

November 19

Es zeigt, wie schön wir es haben, meint der Fotograf (T. Kulcsar)

Eins.
Ein Blick zurück in den Sommer, die Schatten hinter uns lassend. 
Das Geschenk der Natur ist immer neu. In jedem Augenblick. Mir ist klar, sie braucht unsere Wahrnehmung nicht, um beseelt zu sein, vielmehr beseelt sie uns, indem wir uns ihr nähern.

Sie sagen’s mit Rilke: 

http://kabarettwein.und-so.at/wp-content/uploads/2019/11/Rilke-3.mp4

Zwei.
Unlängst macht der Sohn ausnahmsweise einen Herbstspaziergang mit der Mutter unter der Bedingung, während der Kurzwanderung ein Gedicht auswendig zu lernen. Das erinnere ihn so an seine Schulzeit. Da waren diese Ausschreitungen mit der Erziehungsberechtigten immer gekoppelt mit Französisch-Vokabel-Lernen (verhasst) oder Gedichtauswendiglernen (erträglich). Französisch können beide kaum mehr. 
Sich ein Gedicht einzuverleiben war allerdings unlängst ein richtiges Vergnügen.

Drei.
Die Geborgenheit, die darin liegt, sich die richtigen Speisen auf der Zunge zergehen zu lassen:
Brimsen, kräftig. 
Walnuss, frisch aus dem Gehäuse.
Zichorie, bitter.

28. Oktober 19


Lieber Linhart! 

Sie verlieren mich?
Heißt das, Sie sehen mich neu? 
Oder vermuten etwas, das Sie nicht kennen von mir? Lässt sich Ihre Nachricht vom August so deuten?  Anderes fällt mir dazu nicht ein und nicht zu. Ich versuche jetzt, von mir ab zu sehen und auf Distanz zu gehen. Zu mir.  So erzähle ich Ihnen vom roten Sofa, das seit kurzem erst in meiner Werkstatt Platz gefunden hat. Ich sitze am roten Sofa und sehe:

zu Viel.

(Ohne Distanz zu mir:
Steht mir der Sinn nach ausräumen, wegräumen, lüften.
Steht mir der Sinn nach einem Raum, klärender als Sonnenschein.)

lost in lissabon

Plößnig, ich muss Ihnen noch etwas sagen. Ich verliere Sie. Ich, oder meine literarische Physis endet in Lissabon, einer Stadt, in der die Schiffe stehen und die Stadt sich bewegt.

VORLETZTER TAG

Im hop-on-hop-off-Boot quere ich den Tejo zur Cacilhas Pier. Wie vermutet, ist es hier etwas prunkloser. Im Hafen liegt ein schwarzes U-Boot auf Gerüstböcken. Die Wohnung des Teufels wird renoviert. Frech und schwanzlos steht es in einer Wanne ohne Wasser. 
Über das Ufer erstreckt sich ein Lösshang, umsäumt von Hafenruinen, so regelmäßig verfallen, als seien es gewachsene Filmkulissen. Wo Löss ist, muss doch auch Wein sein!
Oberhalb segnet die übertriebene Christusstatue die vom Straßen- und S-Bahnverkehr ächzende Hängebrücke. Wann wird sie der Teufel holen?

TAGSDRAUF

Westlich von Lissabon probieren sich Stein- und Felsküsten, also unten liegende Wasserfälle mit Salzgeschmack. Das Meer, die horizontal schwimmende Unendlichkeit, riecht an meiner Haut ein bisschen auch nach Leberkäse. So macht mit das Halluzinieren Spaß!
Die letzten vier Kilometer vor dem Strand von Guincho gehen gefühlsmäßig ein wenig bergab. Trotzdem müssen wir ziemlich in die Pedale treten. Doch das ist nur die Vorhut. Am Sandstrand bläst  es mir die Gehörgänge durch. Meine spärlichen Sinne im Kopf werden zur Autobahn. Hier schießt der Atlantik wie ein wilder Präriehund ins Flache. Der Wellenstaub zerkratzt die fröstelnde Haut. Menschen, meist Väter mit Söhnen, die sie scheinbar nicht mehr brauchen, kämpfen sich mit Board und Neoprenanzügen in die Flut. Rundherum ist Sommer, zumindest von den Lichtverhältnissen her. Die Sanddüne behauptet es selbstbewusst. Der Atlantik ist der größte Sommerkühlschrank, den ich je gesehen habe. 

22. Juli 2019

Linhart!

Ich stelle mir vor, jetzt geht die Phantasie mit Ihnen durch – die Erzählung über das prekär-ausschweifende Leben der Fadosängerinnen anno dazumal; die sehr kurzen Hosen der meisten Touristinnen; die mindestens in Vierteln eingeschenkten Gläser Wein; der salzige Wind;…vielzählige Sinneseindrücke beflügeln sie…Sie sprechen sogar davon, endlich einmal den Kaffeegenuss mit mir teilen zu wollen! Bleiben Sie auf der Welle, solange Sie können, da sind Sie so schön handlich!

Reisehinweis: Ein Espresso am Rossio kostet EUR 1,60, am Kiosk vor dem Friedhof Prazeres EUR 0,60.

Stellen Sie sich vor, in der schönsten Kathedrale von Lissabon gibt ein junger Mann unangekündigt und zufällig ein Orgelkonzert. Die Königin der Instrumente nimmt sich Raum bis in die letzte Ecke, ein Großteil der TouristInnen nimmt kaum Notiz davon, plaudert lautstark und unberührt davon weiter. Bach bräuchte Stille. Ich verlasse traurig die respektlose Szenerie…

Stellen Sie sich vor, am Bahnhof Oriente bestellte ich mir ein Hot Dog (Touristin!!) ohne Wurst. Der Verkäufer denkt kurz nach und bereitet mir das köstlichste Salat-Brötchen der Woche, obwohl Vegetarisches gar nicht auf seiner Karte steht…

Stellen Sie sich vor, mir gefällt eine Arbeit von Hundertwasser! Ein Kachelbild unter der Erde ….

Stellen Sie sich vor, der Kellner räumt grinsend und offensichtlich am Morgen ein Kondom vor dem Eingang seiner Prelerija weg und stellen Sie sich vor,  ich entdecke ein sehr ähnliches Corpus delicti auf der Rückseite von Bosch’s Tryptichon von “ der Versuchung des hl. Hyronimus“….

Stellen Sie sich vor, ich finde die empfohlene Naturweinbar Comidia Independent in der Rua da Cais do Tojo und stellen Sie sich vor, der Somelier kredenzt uns als Abschluss der Weinkost einen perfekten Portwein und stellen Sie sich vor, der war aus Spanien! Ihm war jede Süße genommen, es blieb das bittere Trauben-/Alkohol-/Mandel- und Sonstnochwas-Konglomerat. Betrunken ließ ich mich ins Hotel wanken! ….

Montag.

Stellen Sie sich vor, Sie kennen jemanden schon so lange Sie sich erinnern mögen und Sie erkennen sie hinein bis in die Seele, also zugleich gar nicht und nichts und niemand könnte Ihnen dieses Wissen nehmen, und stellen Sie sich vor, wie unendlich groß der Spielraum zwischen Ihnen beiden sein muss, damit Ihrer beider Atem strömen kann, Hand in Hand mit der Stetigkeit der Allgegenwart, ungehindert dem Begehren entlang, dem Kairos einer Sternstunde entgegen. Stellen Sie sich vor, eine tosende Meeresbrandung an einer Felsenküste; so viel Spielraum wie ihn das Meer sich nimmt, müsste es wohl sein…

Dienstag.

„Es gibt ja noch mehr als Beziehung!“, welch hoffnungsvoller! (bedeutungsschwerer!/zukunftsweisender!/eschatologischer!!unerotischer!/erboster!)  Satz aus Ihrem Munde, nach einer traumlosen Nacht! Heute sind Sie alles andere als katholisch!

Ich spitze meinen Bleistift.