20. Juli 2019

Senjora Plößnig!

Es gibt eine kleine Differenz  zwischen Intro- und Extrovaganz. Die Selbsteinschätzung. Mein Bahnhof im Kopf funktioniert prächtig. 

Auch Rossio ist ein Kopfbahnhof . Die Geburt unserer Reise quasi. Als wir von der Metro zum wichtigsten Platz der jungen Demokratie emporkletterten und das erste Bier, dann Wein und Ginja tranken.  Von dort wir unser nahgelegenes Hotelzimmer fast nicht mehr fanden. Dort wo ich unter Ihrem Aufschrei das im Reiseführer beschriebene Puppenspital fand, direkt vor unseren Augen. Dort sind wir in die Woche geboren, am Praca de D. Pedro IV. An jenem Platz, der seit dem Mittelalter der wichtigste Lissabons ist. So klein kann kein Zufall sein. Wir schreiben westeuropäische Geschichte und Sie meinen, ich verstecke mich? Am Montag, zum Aufbruch in die nächste Woche, lade ich Sie in das selbe Lokal zum Geburtstagtrunke ein. Damit Sie es ein für alle mal wissen. Am besten, Sie streichen sich den Tag rot im Tagebuch an.

Meiner Empfindung nach ist hier relativ wenig Platz zum Verstecken. Die Offenheit der Stadt gegenüber schwarz und weiß, die etwas rau(er) aber freundlich (er als z.B. Italiener) wirkenden Einheimischen geben einen Kommunikationscocktail vor, der sich zwischen Brasilianischer-Samba- und Einfache-Fischer-Mentalität einreihen lässt. Man isst Gast im besten Sinne des Wortes.

Dass wir fast im Fadoviertel wohnen, ist ein weiterer Beweis unseres Reiseglücks. Katholisch von oben bis unten, dazwischen die Mauern der Mauren und dann diese Riesensehnsucht nach dem Mehr in den Fischerherzen. Wenn du nicht weißt, was du essen sollst und nicht weißt, ob du von der Arbeit zurückkehrst, dann verliebe dich in die Stimme eines Singvogels und hau ab mit ihr. So würde ich Fado beschreiben.

Fado kann, wie Sie schon erwähnten, nur in sehr kleinen Bissen zu sich genommen werden, sonst landet die Seele in einem goldenen Pufftabernakel. Die Landschaft rund um Lissabon, allen voran die Tejomündung, lässt uns davon kosten. So stelle ich mir ab heute das Paradies vor: Bigotte Strände, die lustvolle Ehrfurcht an der Ernsthaftigkeit des Atlantiks, absolutes Badewetter, wie wir es erlebt haben und dann die gefühlten 16,5 Grad Celsius Wassertemperatur, die es einem Hosenscheisser und Katholiken wie mir nicht ermöglichen, in die Unendlichkeit zu schwimmen. Sie waren mit großem Herzklopfen wenigstens drinnen. Im übrigen ist der Sex mit Ihnen sehr anspruchsvoll. Das sollten Sie in einer guten Stunde Ihrem Mann gegenüber erwähnen.


18.7.2019

Lieber Linhart!

Mein Mann ist sehr großherzig. Und stur.

Und mein Wohlergehen begründet sich im Augenblick, in der Aneinanderreihung unauswechselbarer Augenblicke. Er begründet sich darin, ihm meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab Urlaub und Zeit und den Luxus uneingeschränkter Gedankenfreiheit. So selbstverständlich das klingen mag, auch ich lass mich vom Alltag manchmal dazu verleiten, fernab meiner Möglichkeiten zu leben. Eine Fadosängerin ist an mir allerdings nicht verloren gegangen. Derart viel Schwermut und Sehnsucht erlebe ich höchstens im Anblick eines tiefen Abgrundes von einem hohen Berg herab. Oder jetzt, wenn die Sonne untergeht über dem Atlantik. Also an Örtlichkeiten, die ich selten aufsuchen. (Schade?!)

Linhart, Sie zeigen leichte Tendenzen, sich zu verstecken in einer leuchtenden Stadt. Fernando Pessoa tat das auch: „Kein Blumenstrauß hat für mich je die farbige Vielfalt Lissabons im Sonnenlicht.“ Angeblich verreiste dieser schillernde Dichter nie, sondern konzentrierte sich auf seine Abenteuer im Kopf; „…von Bahnhof zu Bahnhof im Zug seines Kopfes.“

Was leuchtet in Ihnen, Sie Meister des Rückzuges?

Stets die Ihre!

17. Juli 2019

Liebe Plößnig!

Entweder ist Ihr Mann dämlich oder sehr großherzig. Die meisten Männer sind eine mehr oder weniger gute Mischung davon. Es ist mir egal, wie Sie ihm dieses Literaturprojekt in Lissabon verkauft haben. Wir sind am westlichsten Punkt Europas mit zwei Kugelschreibern und einem Tablet.

Die Tejomündung ist tonangebend. Der Fluss durchschneidet gefühlvoll die Stadt, die Schere öffnet sich dem Atlantik. Amerika lässt grüßen, Good Old Europe verabschiedet sich imposant.  Sie haben mit Blick auf die rote Hängebrücke gesagt, dass es Ihnen sehr gut gehe. Wie begründen Sie diesen Ausnahmezustand? Auch ich bin tausendmal lieber Europäer als Ami.

24. Juni 2019

Sie werfen mir Wörter zu. Eine Fünftagewoche lang. Jeden Tag ein neues. Exerzitien von Angesicht zu Angesicht. Ohne einander zu sehen.
Kann ich Sie damit erraten?


Tau

Der frische Montagmorgen. Sie stehen im Weingarten und beobachten, was sich da tut. Müssen Sie intervenieren oder lassen Sie den Pflanzen ihren Lauf? Regelmäßig neue Entscheidung: sollen Sie sich einmischen oder nicht? Sie merken es im Unterton: hier romantisiert eine Ahnungslose die Natur – ich rechne nicht mit der Unberechenbarkeit des Wetters! 

Kilo.Meter

Da soll ich wohl eine Zahl einsetzen, um damit die Entfernung zwischen Ihnen und mir festzuschreiben.

Tagebuch
Ich lasse Sie teilhaben an meinen laufenden Ermittlungen:
„Die Enten am Wolfgangsee kommen in der Dämmerung ans Ufer geschwommen um an Land zu gehen. In der Wiese suchen sie nach Futter. Nach zirka 1 Stunde beenden sie diesen Landausflug. Es ist mittlerweile vollkommen dunkel.“

Dusche

Eine kalte? 
Welchen Schmerz waschen Sie ab?

Demut

Wie lange ich schon scrollen muss, bei der Bestellung im Internet, wenn ich dazu aufgefordert werde, mein Geburtsjahr zu nennen.

Können Sie mit Johanniskrautöl etwas anfangen? Ich möchte Ihnen gerne eines schenken!
Heute, aus der Entfernung, die Ihre

16. Juni 2019

Liebe Plößnig!

Den Text lasse ich berührt stehen. Literatur kann zwar kein ganzes Leben retten, aber viele Augenblicke.

Sie waren im Kloster an einem See mit 17 Grad. Schweigen, Schwimmen, Schnitzel essen. Ich höre nämlich nächtlich ihr Telefon ab, ganz legal mit dem Herzen.
Ich bin zwar ganz und gar nicht in Urlaubsstimmung, aber die Morgenstunden verbringe ich im Weingarten.


der sommer windet sich 
mit heißem wind
dem nächsten unwetter
wenn der wein blüht
läuft einem das wasser 
im mund und sonst wo 
zusammen

13. Juni 2019

Lieber Linhart,
es gibt zur Zeit einen Nico Bleutge, der für mich spricht:

Wolfgangsee

waldkante, witterung. hartes, fast ziehendes licht

an den blättern. lichtfitzel, glister, daran ist nicht

zu tippen. wo draußen ist, innen. wenn du die muster 

auf den körper legst, farne von hinten, linien

ins licht ziehen. dimmen. verschwimmen

die wasser, nachts? was flanken sind, wechsel

keinem wetter ausgesetzt. das mußt du sehen

lichtwabe, schwisternde stoffe, puls

der wie ein faden ist, für diese andere seite

von sicht. wach sein, im blistern, atmende

flechtende haut, die ihren umriß quert. was

unscharf ist, bindet. nicht gezinkt. das brennt

im hals, da bleibt die spucke weg. wenn

du ins wasser, in die schwarze kante steigst.

dem ist nichts hinzuzufügen

26. Mai 2019

Mich in Ihren Briefen suchen.

Lieber Linhart!

Es geht mir gut.
Ich scheitere nicht an der Langeweile des Erwachsenenlebens. Im Gegenteil! Ich gehöre zu jenen Menschen, die in der Langeweile nicht den Vorhof frisch aufkeimender Kreativität sehen, ich geh ihr konsequent und erfolgreich aus dem Weg.

Was ich jedoch liebe ist, wenn die Zeit anhält, es Sommer wird und es nichts gibt, das mich durch den Tag schubst. Unerklärlich bleibt allerdings, weshalb ich nicht öfter in diesen fruchtbaren Zustand gerate! Jedenfalls war heute so ein seltener Tag.

Sie schreiben in Ihrem Brief ähnlich wie Joseph Roth, der einst feststellte: „Drinnen bei mir bin ich sehr traurig“. Ich hoffe, dass Sie ob Ihrer Grundgestimmtheit Ihren Humor nicht verlieren! Kann ich nachhelfen? Eine Arbeitskollegin wollte mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kommst du mit mir ins Beet?“ schenken……Mir fällt bis heute kein passender Anlass ein, an dem ich das tragen könnte! Bin leider kein Mitglied beim Weinbauverein, bei diesen Naturverbundenen gäbe es nämlich keine Missdeutungen, würde ich mit solchen Ansagen aufkreuzen…

17. Mai 2019

Liebe Plößnig!

Auch in mir wohnt eine, in meinem Empfinden zu tiefst unbegründete Traurigkeit. Es hat im vergangenen Monat 100l geregnet, die Natur kehrt trunken zum Alltag des Frühlingserwachens zurück und die Vögel singen ihr kosmisches Lob.

Vorhin las ich einen Artikel im Zeitmagazin, in dem sich eine Polizistin als Grüne outet. Auch von den „anständigen“ Kollegen wurde sie als Nestbeschmutzerin getadelt. In der ehemaligen DDR sei das noch schlimmer als im Westen, wo die Grünen ja schon ein bisschen etablierter sind.
Partei für die Natur zu ergreifen, dem ( vom Menschen)  selbst verschuldeten Klimaveränderungen in die Augen zu sehen und nicht nur in die Poritze und sich schließlich mit Flüchtlingen in ein Boot zu setzen, schafft eben Feinde. 
Ich frage mich: was steht drüber? 
Was steht über  dieser tadellosen Angst, – letztlich vor sich selbst?

Literatur, oder wenigstens der Versuch zu schreiben, was unsagbar scheint, ist die Flucht in den Augenblick des Trostes, der nicht länger anhält als eine kurze Schnabelbewegung des Singvogels.

Die Natur zieht uns in ihr Sterben um zu leben. Was anders kann Sex schon sein?

29. April 2019

Viermal April.

Zirknitzersee/Cerknisko jezero 

Die Frühlingsmorgen sind gekennzeichnet durch frühzeitiges Erwachen meinerseits. Wie gern ich das mag! – Noch in die Dunkelheit des Zimmers dringt durch das halb geöffnete Fenster der erste lautstarke Morgengruß der Amseln. Dann machen sie eine Pause, bevor der Tag vollends anbricht und wieder die Uhr die Zeiteinteilung übernimmt. Für Jonathan Franzen sind Sex, Literatur und die Entdeckung der Vögel die größten Offenbarungen seines Lebens. Dem kann ich etwas abgewinnen: „Vögel zu beobachten schenkt mir den Glauben, dass die Welt voller Möglichkeiten ist.“

Vögel haben etwas Tröstliches. Sie sind im Normalfall einfach da. Sie lieben einen nie und manchmal lassen sie auf sich warten. Und im Normalfall kann man nicht über sie verfügen. 
So erlebt auch in Slowenien (Sie haben recht damit, ich verschwinde gerne Richtung Triest!): Am Cerknisko jezero  sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schafstelze. Sie setzt sich ohne Scheu in ihrem goldgelben Prachtkleid in meiner unmittelbaren Nähe auf eine Weide. Da ist sie nun!

Pflanzen können fast alles, was man sich nur vorstellen kann. Aber nur, weil sie festsitzen, denkt jeder, dass sie nicht besser als Plastik sind, als wären sie nicht richtig lebendig.
Pflanzen leben im Moment. Wenn man ganz traurig ist, weil man selbst oder jemand anderes  oder etwas sterben muss, Pflanzen anschauen hilft!

Die Sauna ist meine Schneehöhle.
Auch im Frühling noch, wenn es so kalt ist wie heute!

18. April 2019

Liebe Plößnig!

Sie sind zum wiederholten Mal in Triest. Ich sah Sie gestern mit ihrer Familie. Fragen Sie nicht, woher ich das weiss. Ich bin sozusagen inkognito auch in der Stadt.

Ich habe noch nie einen so schönen Parkplatz gehabt. Und das, obwohl mich der Autoverkehr in Triest sehr stört, aber die Parkplätze direkt am Meer in den aufgelassenen Hafenindustriezonen haben etwas Lyrisch-Praktisches: sie werden nicht verbaut. Ich bin meinem Auto fast neidisch, dass es dort die Nacht und den Tag verbringen kann.

Was ist Triest für sie? Literatur Café, Wanderstadt oder Kleineuropa am Meer?

Ich muss zuerst immer weinen. Zu Kaisers Zeiten war Triest ca. 500 Jahre unser Hafen. Lachen Sie nicht, aber mir geht der geraubte Meerzugang furchtbar ab. Nicht nur rein philosophisch, sondern realphysisch.
Das Meer öffnet den Freiheitssinn. 
Natürlich steht Italien politisch nicht besser da, aber umspülter.

Wir stehen mitten in den drei hohen Kartagen. Die Tragik des Karfreitags, die absolute Stille des Samstages und der ewige Frühling des Ostersonntages empfinde ich als große Herausforderung für unsere flache, wirtschaftsbezogene Welt.

Der Karst plus angrenzende Weinregionen rund um Triest bietet das versteinerte Meer als Terroir an. Faszinierend. Sie waren zweimal im Süden Sloweniens in der Naturweinszene. Ist Ihnen der Malvasier als mediterraner Botschafter aufgefallen? Im Weinviertel versteckt er sich als Frühroter Veltliner. Eine frühe, zarte und scheinbar einfach gestrickte Sorte, die für mich die beste Speisetraube der Welt zum Schmalzbrot ist.

Mir fällt auf, dass ich, wenn ich reise, die Lust am Trinken der nüchternen Beobachtung neuer Welten opfere. Ein Glas mehr am Abend kommt quasi nicht in Frage, weil ich morgens fast schon unerträglich ausgeschlafen neben meinem abgestellten Auto stehe und -aufnahmebereit bis zum Anschlag – ins Meer schaue.
Inmitten edel vergammelter Industrieruinen und einem alten, verrosteten, einst mächtigen Schiffskran.
Triest, ich muss dich leider wieder lassen.