Hochbeet

Im Waldviertel wurden Holzbienen und Felsenbirnen gesichtet.

Im Waldviertel geht man in den Wald und findet Schwarzbeeren und Steinpilze, ohne danach gesucht zu haben.

Im Waldviertel  liegt jedes Haus aus in Gehreichweite zu einem Teich, in dem man schwimmen kann.

Im Waldviertel bauen sie unvergleichliche Hochbeete, das sind wahre Kunstwerke!

Im Waldviertel belässt man genügend Grünstreifen zwischen den Äckern, damit sich Kiebitze wohl fühlen und mit viel Wirbel über unsere Köpfe ziehen.

Im Waldviertel dürfen Kornblumen im Getreidefeld wachsen.

Im Waldviertel macht meine Schwester einen Sensenmähkurs.

Im Waldviertel kannst du ganz unkompliziert ein Zimmer mit Blick auf den Kreuzgang mieten.

Und: 
Im Waldviertel hab ich eine sehr spezielle Form von Barfußgehen kennengelernt: da ist es üblich, sich die Schuhe auszuziehen und mit den Socken über die Flure und steinigen Wege zu spazieren, möglichst nah dem Erdboden und möglichst schmerzfrei für die Fußsohle. Das ist in der Gegend von Gmünd die übliche Gangart, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen!

Wer wagt es, diesen Landstrich als vergessen zu betrachten!

In meiner Werkstatt entstehen dieser Tage Regenpfützen.
(Sind beim Fotografieren verdampft)

Vogelkirschen

Ich kenne keine bessere, den Geschmack betreffend, als diese: bitter, schwarz, rauchig, tief.
Jene Kärntner Nudel
gefüllt mit Vogelkirschen, 
die man zuvor getrocknet (nicht entkernt!) und gemörsert hat, 
vermengt mit Topfen, Erdäpfeln, Gewürzen und Munggn (altkärntner bäuerliche Speise aus Hafer-, Gersten-,Roggen- und Bohnenschrot), 
die nur Eingesessenen schmeckt, 
weil sie die besondere Konsistenz von klein auf gewöhnt sind
und die Gäste von auswärts nicht in den Schlund bekommen, 
weil sie Angst haben,  sich mit den groben Kirschkernteilchen der aufwändig zubereiteten Fülle zu verletzen,
sind mir deshalb, also aufgrund des Geschmackes, die allerliebsten. 

Die langen Tage werden ab heute wieder kürzer. Gott sei Dank, dann muss ich nicht mehr so lange arbeiten! sagt der Herr Gemahl, er, der die Taghelle für sein Tagwerk nutzt und dem Anschein nach das Winterdunkel dem Sommerlicht vorzieht. Die Bäume voller Kirschen, der Tag voller Licht und einen willigen Gespann, der die Leiter raufsteigt. Alles passt perfekt!

weißer Ton, ungebrannt

In meiner Werkstatt entstehen zur Zeit tropfende Gefäße, die mich im Winter trösten werden.

Melde

rote Gartenmelde

Die wächst heuer wieder einmal ohne unser Zutun. Und findet durch die ansprechende Farbe Platz in nur allen erdenklichen Speisen. Salaten, Saucen.
Ich höre davon, dass die grüne Schwester dieser Unerschütterlichen gleich nach dem Krieg Hauptnahrung war. Ein Unkraut, das auf dem Schutt zerbombter Häuser wucherte. Leitet sich daher das Wort „unerschütterlich“ her? Unerschütterlich vor sich hinwachsend?

Heuer sehen die Gärten, in die ich schauen darf, besonders ausführlich umsorgt aus. Und jede Gärtnerin, jeder Gärtner verfolgt Lieblingsstrategien: „Ich setze nun seit Jahren mehrere Wolfsmilchpflanzen gegen Wühlmäuse, das hilft allerdings überhaupt nicht!“,  erklärt mir der begnadete Gärtner. „Verwende weiße Lichtnelkenblätter für den Spinat, die schmecken dezent säuerlich-herb.“, empfiehlt mir die wildkräuterkundige Freundin. „Machen Sie in Zukunft Kraterbeete, damit sich der Tau sammeln kann!“  schlägt die Klimaforscherin aus dem Radio vor. „Ich hab mein Lebtag die Erdäpfel in eine Mulde gesetzt, diese erfolgreiche Idee hat mein Mann aus der Asten mit in die Ehe gebracht, erzählt die Minut Lisl. „Kein Baum wächst in den Himmel“, sagt meine Mutter.

Steinzeugteller

In meiner Werkstatt entsteht zur Zeit immer noch Gebrauchsgeschirr. Langsam und kontinuierlich an einem Lehm-Rund arbeiten, das ist Arbeits-therapie für eine an der Seele Ermüdete.

Stein

Heiliger Stein, Mitterretzbach

Ihm wird Heilkraft nachgesagt. Nicht bloß dem Ort, an dem er sich befindet, auch dem Stein selber. Soll ich meinen Kopf auf ihn legen, ihn umarmen, ihn konzentriert anschauen? Soll ich von ihm abbeißen, ihn abschlecken, ihn auskratzen und das Pulver in meinen Tee streuen?

Wir befinden uns 200 Meter von der Tschechischen Grenze entfernt. Alle Viertelstunde fährt ein Militärfahrzeug vorbei, um zu kontrollieren, dass unsereins nicht doch über die Grenze geht. Vielleicht kontrollieren sie auch unsere Distanz zueinander. 

Ich sehe eine Frau mit einem weißen Kopftuch in ihrem Vorgart’l jäten. Sie trägt das Kopftuch auf jene Art, wie es meine Großmutter getan hat – und Sophia Loren. In dieser Kulisse fühle ich mich um Jahrzehnte zurückversetzt.

Flache Teller

In meiner Werkstatt entsteht dieser Tage wieder einmal Gebrauchsgeschirr. Die Menschen sind hungrig nach Einzigartigem, Unverwechselbarem. 

Gartenzaun


Nachbarn zu haben hat immer mindestens zwei Seiten.
Man hat sie, ob man sie will oder nicht will. 
Sie haben einen, ob sie wollen oder nicht. 
Manchmal stellen sie dir gutes Essen mit dazu gelieferter Tischdecke vor die Tür, manchmal anderes.
Manchmal denke ich zum Beispiel an Viktor Orban, wenn ich an Nachbarschaft denke.
Manchmal summe ich das Lied, das Helmut Qualtinger so wunderbar interpretierte, direkt über den Gartenzaun: „A Rücksicht, a Nochsicht, do miassat i speib’n…“.  Den weiteren Text hier wiederzugeben, ist mir peinlich und gäbe Einblick in die Untiefen einer schwachen, einseitig fokusierten Seele. (Kann die Seele grantig sein?!)

Die Fenster jedoch, in Alternativen zu denken, stehen sperrangelweit offen: Höflich sein, Irritieren durch Freundlichkeit, eine kleine Reise unternehmen und lange weg bleiben, den Gartenzaun pink streichen, sich im Stillen Schönes vorstellen, anstelle des vorher zitierten Liedes „Yesterday“ anstimmen…

Heuer setze ich die Melanzanipflanzen zu den weißen Bohnen und den Kohlrabi zu den Roten Rüben: auf eine gute NachbarInnenschaft!

Alm

Stehen bleiben und schauen

Mich erzogen eine Handvoll Menschen, unzählige Pflanzen, Bäume, Wälder, die Bachlandschaften, ein paar wenige Tiere, vor allem Kühe und die Alm.
Lieben lernte ich von einer Handvoll Menschen, unzählige Pflanzen, Bäumen, Wäldern, der Bachlandschaften, ein paar wenigen Tieren, vor allem Kühen und der Alm. Daraus erwuchs mir meine Stärke, mit der ich für meine Täglichkeiten mein Auslangen finden muss. Alle miteinander haben gute Arbeit geleistet. Es ist genug da!

Das Laufen über Wiesen mit schwingenden Armen, das Trödeln in Mutters Näh-Werkstatt, dem Vater nur sehr widerwillig bei der anstrengenden Holzarbeit helfen, Laubhütten bauen, verbotener Weise im Bach herumklettern, Tollkirschen verkosten, beim Butterrühren nur Zuschauen dürfen, den Luxus sehr einfacher, geschmacksintensiver Lebensmitteln noch nicht zu schätzen wissen, nicht ahnen, dass man in ziemlicher Abgeschiedenheit lebt, es wäre auch bedeutungslos, den herb-rauchigen, kalten Duft von Schnee riechen und dabei glücklich sein, den Kühen vorsichtig Heu in den Futtertrog streuen und in riesengroße Augen blicken.

Der große Bruch erfolgt mit dem Eintritt in die erste sogenannte Erziehungsanstalt. Jetzt ist es aus mit Erziehung und Liebe. Ab diesem Zeitpunkt soll ich mir auf jeden Fall eher dumm, formbar, klein, gehorsam und noch nicht lebenstüchtig genug vorkommen. Es ist nie genug.

Warum ich gerade jetzt darauf zurück komme?
Weil ich mir in diesen Wochen des Rückzuges so vorkomme, als ob ich wieder auf der Alm lebte, nur ohne Alm. 

Diese ganze unabsehbare Vergangenheit hat die Rolle mitgezeichnet, die mir aufgegeben ist. In nur sehr kleinen Schritten verlasse ich Vertrautes.

Vogelmiere

Meinen Kopf in deinen Schoß legen

In der Natur ist es ein Leichtes, sich eins zu wissen mit Allem. Zum Beispiel liegend in einem Bett aus Pflanzenpolster und Vogelstimmenwolken.

Berührt sein vom Ast der Trauerweide, den der Wind an meiner Wange vorbeistreifen lässt, von der Nässe des Regens, vom von der Sonne aufgewärmten Holz der Bank am Teich, von der krümeligen Erde des Komposthaufens, die durch meine Finger rieselt.

Auch der Mensch hat unendliche viele Möglichkeiten, sich menschlich zu wissen:

Berührt sein vom handgeschriebenen Brief, aus dem Postkasten genommen, aufgerissen und mit den Augen verschlungen, von der Lieblingsspeise, vor der Haustür abgestellt – eine liebe Nachbarin hat für uns mitgekocht, vom Vibrieren einer menschlichen Stimme ganz nah an meinem Ohr über mein Handy, vom flackernden Licht des Kerzenscheins am Abend vor dem Fenster, vom Johanniskrautöl, das langsam einzieht auf meiner Haut, von der Weichheit des selbstgestrickten Schals, vom Duft der frisch gewaschenen Bettwäsche, auf der ich raste. 

Es bricht doch nicht gleich die Welt zusammen, wenn 3 x 3 Wochen lang kein anderes Programm angeboten wird…?

Mimose (Schamhafte Sinnpflanze)

Nagel im Holz

Ich kenne jemanden, der stellvertretend für mich zwei Stunden lang einen Nagel anschaut. Der Nagel steckt in einer Palette. 
Das wirkt. 
Auf mich. 


Nenne ich es Müßiggang? Muse? Oder Vita Contemplativa? Von manchen wird für dieses Nichtstun das Wort Faulenzen bevorzugt. Das wiederum ist nicht gut angeschrieben. Sowohl gesellschaftlich als auch bei mir persönlich. Meine Wahrnehmung jetzt, nachdem mein Körper sich während einer Krankheit auf Existenzielles konzentriert, spür ich die tiefe Sehnsucht nach diesem Talent, die Sehnsucht danach, dieses Talent zu pflegen. Und ich mein damit nicht eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, um danach noch effizienter sein zu können, sondern ein „In-Mir-Ruhen-Lernen“, ein Hören mit den Augen, ein Tasten mit den Worten, ein Atmen aus voller Lunge, ein Grübeln, ein Leben der Frage und letztendlich ein Vergessen der Frage…

Wie schmeckt Kaffee, der mir endlich wieder schmeckt?
Und wie wird wohl guter Wein schmecken, nach dem mich noch immer nicht gelüstet?
Wie lange komme ich ohne körperliche Berührung aus? 
Was ist das Wichtigste, heute?

„Die Frauen tragen leuchtend gelbe Mimosensträuße durch die Straßen von Venedig…“ lese ich in der Zeitung. Ich stell mir mich vor, mitten unter ihnen, in meinem roten Kleid. In meiner Werkstatt gerate ich  zur Zeit auf abwegige Gedanken.

Sporblume


Die Ohnmacht der Sprache

Ich finde keine Wörter. Stammelnd zu beschreiben, welche blutig unförmigen Gebilde sich in meinem Körper befinden. Befunden haben. Die Nachgeburten meiner zwei Kinder wurden damals nach deren Geburt im Garten vergraben bzw. im großen Kachelofen verbrannt. Staub zu Staub. Asche zu Asche. Die Kinder leben. Diese Scheingeburt birgt kein Leben in sich. Auch nicht offensichtlich Vergrabens- oder Verbrennenswertes. Was da ist, muss raus. 


Derart konzentriert auf Existenzielles, fallen Gedanken nicht ein, sie fallen über mich her: Das absolute Jetzt nimmt man innerhalb von 3 Sekunden wahr und KrankenpflegerInnen sollten unbedingt leise Sohlen an den Schuhen haben und eine leise Stimme im Nachtdienst. Geht eine Liebe, die ohne Lust ist, tiefer?! 11 Uhr, unglaublich, wie die Zeit vergeht. Sieh dir das Licht an! In den langen Gängen und Nischen. Milchig-grell. Prallt es ab auf dem grün-gelb-roten Linoleumboden. Allein die Wände strahlen warm-beige. Ein Krankenhaus ist ein uninspirierter Ort. Und Hölderlins Susette meint zu all dem: „Zu sein, zu leben, das ist genug.“

Meine Zimmernachbarin im Krankenhaus lenkt mich ab, sie erzählt von prachtvollen, tief roten Sporblumen in ihrem Garten. Ich kenne sie nicht, diese Blume. Jetzt erwächst das Bedürfnis , auch in meinem Garten dafür einen Platz zu finden. Später, wenn manches vorbei ist…

In meiner Werkstatt entsteht immer noch nichts.

Scharbockskraut


Vor der Blüte

Ich hab mir für das heurige Gartenjahr vorgenommen, über das obligate Sauerkraut hinaus noch so manches Wildkraut zu fermentieren. Mit dem Scharbockskraut beginne ich. In der Folge kann ich aus dem Vollen schöpfen: die Vogelmiere, der Bärlauch, Löwenzahnblätter, Giersch und Gundelrebe. Brennnessel. Manches davon verschwindet nach ein paar Wochen mehr oder weniger, verdrängt von den Sommerkräutern, Sommerpflanzen, Herbstüberraschungen,… usw.usw.usw. Ein ständiges Kommen und Gehen, Wechseln und Wandeln.

Wenn das mit dem Wechsel jetzt so ist, kann ich meine langjährige widersprüchliche Einstellung zum Frausein getrost weiterentwickeln. Wirklich gern Frau war ich die drei Sekunden nach der Geburt unserer Kinder. Zwei Kinder machen also sechs Sekunden. Dazu kommen noch einige Momente des Sich-Einsfühlens während der Schwangerschaft, dieses sichere Gefühl, nicht einsam zu sein, das hab ich davor und danach nie wieder in dieser Intensität erlebt. Sonst fällt mir nichts ein, wo es besser wäre, das Leben in einem Frauenkörper zu genießen. Erfüllenden Sex zähle ich nicht dazu, der ist ja wohl auch für einen Mann bisweilen sehr schön und ereignisreich…

Inspirieren lass ich mich von Fragen wie:
Wird der Wegfall der Östrogene, die Bezogenheit auf andere schwächen und mich freier machen ?
Werde ich bald keine Stimmungsschwankungen mehr haben, sondern nur noch eine Stimmung, jene der Wut?
Werde ich mich noch weniger denn je anpassen lassen an diese Welt, die immer deutlicher zur Verzweiflung treibt?
Werde ich mich von einer ab und zu doch recht angenehmen Frau in eine spitzzüngige Karikatur meiner selbst verwandeln?

In meiner Werkstatt entsteht zur Zeit nichts Neues.
Ich höre Radio.

„Es gabat a griffiges Mehl zum Nochtmohl
Des is tragisch, oba es is glogn“, 
 singen die  Strottern