Sauerkraut zu Silvester

Fermentiertes im Keller

Wir haben in unserer vernetzten Welt gar keine Vorstellung mehr davon, was Abgeschiedenheit bedeutet. Und nur mehr selten hat  heute noch jemand Falten eines Draußenmenschen! Eine davon war meine Tante Liesl und die hat sich seit ein paar Tagen auch zurückgezogen von diesem Erdenrund. Sie war in ihren gesunden Jahren eine Frau der Landwirtschaft und eine Frau der Vorratshaltung. 

Leider tendiere ich dazu zu denken,  mir die Zeit stehlen zu müssen, um dieser Sinnhaftigkeit nachzukommen. Dabei bedarf es gar keiner vernünftigen Erklärung: es fühlt sich ganzheitlich gut und richtig an, das selbst eingeschnittene Sauerkraut aus dem Gärtopf aus dem Vorratskeller zu holen.

Familientisch zu Silvester

In meiner Werkstatt entstehen dieser Tage Teller und Schüsseln für Familienmitglieder. Familie ist ein sehr komplexer, komplizierter Kosmos. Wenn man großes Glück hat, ist sie ein vertrauter Ort, an dem man sich öffnen kann, an dem man einander Intimstes anvertraut, vor allem das Scheitern, manchmal sogar, ohne dabei zu sprechen:

sich um einen Tisch, ein Feuer,  scharen und den Sternenhimmel darüber ausspannen, die magischen Momente des vergangenen Jahres vorüberziehen lassen, Tränen aus den Augen wischen, Falsches sagen, ohne gescholten zu werden, Richtiges sagen und sich an den raren Gewissheiten wärmen, Artischocken essen, Schweinsbraten mit Sauerkraut essen und Schockolade, Wein trinken und
die Nacht einräuchern, einander mehr wünschen, als zu denken man in der Lage ist, den günstigen Moment nutzen und sich zeigen

Maulwurfhügel


In meinem Garten hab ich das Gefühl, einen Teil meines Lebens selbst in der Hand zu haben. Diese Empfindung dauert genau bis zum nächsten Maulwurfhügel. Wie viele Maulwürfe für die unzähligen Hügel dieses Herbstes verantwortlich sind, weiß ich nicht. Sie zeigen sich mir nicht.

Auf dem Land zu leben kann ein Sonderweg der Freiheit sein. Der Umgang mit der Gegebenheit vor der Haustür ist nicht abstrakt (siehe Maulwurfhügel), sondern konkret und individuell. Selten Idylle. Tod, Katastrophisches, Entzückendes und Blühendes. Diese Freiheit hat mit viel Arbeit zu tun. Vor allem dann, wenn man einen Teil seiner Nahrungsmittelbeschaffung vor dieser eigenen Haustür erledigen will. Das fällt mir ein, weil jetzt bereits – es ist erst Mitte Dezember – die im Erdkeller eingelagerten Karottenvorräte im verbraucht sind. 


Viele Gegenstände, die in den vergangenen Jahrzehnten in meiner Werkstatt entstanden sind, haben Platz gefunden in einem alten Erdkeller. Dieser Keller hat lange als Winterquartier für Wurzelgemüse gedient. Für die Lagerung von Wein war er wohl nie gedacht. Er ist nicht sonderlich groß, eine zirka 15 Meter lange Röhre, aus Lehmerde herausgehauen. Teilweise bricht er schon ein . Der Gedanke, dass all diese Keramiken in mehr oder wenig naher Zukunft verschüttet werden, gefällt mir.

Ringelblume

15. November, mein Garten
15. November, der Garten meiner Mutter

Ich nehm alles zurück. Von wegen – ich sei schon lange nicht mehr ausgesetzt gewesen, den Kräften der Natur: Es ist Mitte November. Wir möchten meine Mutter besuchen. Je mehr wir uns dem Tal, in dem sie wohnt, mit dem Auto nähern, desto klarer wird, ohne Schneeketten geht da wohl nichts weiter. Seit 30 Jahren habe ich solche nicht mehr gebraucht. Und genauso lange ist’s her, dass ich welche angelegt hab. Der Schneekettenverkäufer erklärt genau, wie einfach das zu bewerkstelligen ist, das Anlegen.  Mit großen Augen schau ich ihn an – er meint, mein Blick sei ein  zustimmender. Ich weiß es besser: ich schau wie eine Kuh vorm neuen Tor. Die Modelle sind laut seiner Auskunft viel praktischer geworden. Ich finde, die alte Version war logischer.

Und dann kommt doch alles anders.

40 km vor dem Dorf meiner Mutter wird die Hauptstraße endgültig gesperrt. Der starke Schneefall bringt Bäume zum Stürzen. Sie fallen auch quer über die Straße. Außerdem sind Lawinen und Murenabgänge nicht auszuschließen. Kurzfristig gibt es keinen Telefonkontakt. Von wegen – die Natur haben wir in unserer Gewalt!
Wir drehen um. Der Test, ob ich die Schneeketten anlegen könnte, muss auf ein anderes Mal vertagt werden. Eines der ältesten und zugleich aktuellsten Menschheitsthemen hat uns eingeholt. Das von Macht und Ohnmacht gegenüber der Natur. Die Alpen sind Dynamik, lese ich in der Zeitung

gezählte Sterne

Ich bin unter anderem deshalb so gern in meiner Werkstatt, weil mich dort normalerweise niemand anspricht. Es ist mir unangenehm, mir das einzugestehen: ich werde mit zunehmendem Alter menschenscheu. Für eine, die es Zeit ihres Lebens gewohnt ist, Menschen um sich zu haben (schon als Säugling war ich nie allein!), zu kommunizieren und einen Großteil ihres Lebenssinnes aus Beziehungen zu Menschen zu schöpfen, mutet es befremdlich an, dass sie einfach ihre Ruhe haben will. Beim Zugfahren oder auf der Straße, beim Warten auf etwas, im Supermarkt, beim Wandern, der Chorprobe oder der innerbetrieblichen Weiterbildung. Liebste Freizeitbeschäftigung sind mir mittlerweile Schweigeexerzitien. Oder eben der ungestörte Aufenthalt in meiner Werkstatt abseits unseres Wohnhauses. Ich übertreibe nicht!

Hahnenfuss

Garten vorm Haus vor dem Asphaltieren

Ich geh spazieren. Denken in Bewegung bringen und nebenbei den Körper. Geh ich vorbei an unserem Haus. Hier gedeiht mein Lieblingsgarten. Er verlangt von mir nichts, außer dass ich ihn vollkommen in Ruhe lasse. Vollkommen gratis beschenkt er mich jedes Jahr mit Anderem. Je nachdem, ob es viel regnet oder wenig, abhängig davon, was die vielen herumstreunenden Katzen oder begleiteten Hunde so treiben. Brennnessel wachsen fast immer, manchmal flammen Nachtkerzen auf oder ein Storchenschnabel macht sich stark. Winden, Nelkenwurz, Taubennessel. Heuer faszinierten mich besonders die Samenstände dieses Hahnenfußgewächses. 
Geschmäcker jedoch sind bekanntlich verschieden. Manchen Menschen gefällt neuer Asphalt besser.

Garten vorm Haus nach dem Asphaltieren

Ab nun muss ich wohl auch wieder in meiner Werkstatt einheizen.
Es ist schwierig, darüber hinwegzuschwindeln, dass mich dieser Tage wenig in den Garten lockt. Ich denk mir, Zeit bleibt bis zum kommenden Frühjahr, jene Jahreszeit, die hinausdrängt. Schreib ich lieber etwas über den Abend mit Shake Stew.
Diese Bässe, diese Drums! 
Geerdete Rhythmen, darüber die Blasinstrumente fliegen. Der Zug nach unten stark genug, dass eine riesige Spannbreite entsteht, ein großer Raum für die konzentrierte Leidenschaft der sieben Musiker, die das alles zusammenhält, ein glühender Lavastein.

Feuer im Werkstattofen

Trockenrasen

Sandberge bei Oberweiden, Marchfeld

Monate später, beim Durchschauen der Urlaubsfotos,  Sehnsucht haben nach den Sanddünen am Atlantik und dieser spärlichsten Vegetation, die eine besondere Atmosphäre zaubert, die Namen der wenigen Pflanzen sind mir nicht bekannt und das Meer dahinter nur zu erahnen und in der Nähe nach Ähnlichem suchen und es gar nicht allzu weit entfernt wiederentdecken, im Marchfeld und natürlich weiterhin Sehnsucht haben nach einer Kargheit, die mich davon ablenkt, zu viele Entscheidungen treffen zu müssen, ständig die Wahl zu haben und im Überfluss Angebot, Ablenkung, Verrenkung. Ich erinnere mich nicht daran, wann ich mich das letzte Mal der Natur ausgeliefert wahrnahm. 

Sanddüne in der Nähe von Cascais, Portugal

In meiner Werkstatt entsteht zum Beispiel Gebrauchskeramik. 
Mir gefällt der Gedanke, durch meine Teller oder Schüsseln in einer fremden Küche zu landen, mich dort wichtig zu machen, zumindest für die kurze Dauer einer Mahlzeit, Teil dieses Geschehens zu sein mit meinem Fingerabdruck auf dem Geschirr. 

Gebrauchskeramik, Raku, 2019

Mährische Vogelbeere

Bei uns Menschen geht alles linear aufs Ende zu, aber dem Garten ist das egal, er ist zyklisch. Ich kann mich da hineinfügen und mich eine lange Zeit über die eigenen Endlichkeit hinwegtäuschen. Ich kehre jedoch nicht wieder. Ich begrüße ständig die Veränderung und hänge doch liebend gerne Erinnerungen nach oder finde gerade die Gegenwart derart lebenswert, dass ich wünschte, es möge sich nichts verändern. Befinde  mich also in stetiger Unruhe.
Unser Vogelbeerbaum im Innenhof verliert in diesen Augenblicken seine Blätter. Das geht nun schon seit einigen Tagen so. Da bleibt nichts, wie es war. 

Sie gibt, Mährische Vogelbeere

Ich teile meine Welt mitunter in Form von Keramiken mit.
Meistens konservieren sie Geschichten und natürlich Gedanken. „Es gibt“ steht für „Es gibt“. 
Von ganz alleine gibt es Vieles für mich. 
Und Vieles davon gibt es vollkommen gratis. Zum Beispiel Zuneigung. Die außergewöhnliche Form dieser Fließe entdeckte ich im Römermuseum am Hohen Markt in Wien. Bodenziegel aus dem 2. Jhdt n.Chr.  

„Es gibt“, weißer Ton, Rakubrand, 2019