15. November 2017

Lieber Linhart!

An meiner Arbeitsstelle (da arbeiten ungefähr 2000 Menschen) gibt es zur Zwischendurch-Erholung für Angestellte ein neues, mehrdeutiges Angebot. Einen Massagesessel, deponiert in einem kleinen Separee – einem quadratischen Zimmerchen mit weißen Wänden. Ihn in Anspruch zu nehmen funktioniert so: Du gehst möglichst unauffällig an der Tür vorbei und siehst nach, ob das Schild „Betreten verboten“ an der äußeren Türschnalle angebracht ist oder nicht. Im günstigen Fall ist der Raum frei. Dann siehst du dich unauffällig um und betrittst möglichst ungesehen  das Kämmerchen.  Du bist nun allein mit diesem Wundersessel.  Du kannst wählenzwischen: 10minütiger, 20minütiger oder 30minütiger Massage – mit oder ohne unterschiedlichsten Affirmationen zum Tag und zum Leben, mit oder ohne Meditationsgetingel, mit oder ohne Lichtimpulse. Weitere Person befindet sich keine im Raum. Aber du fühlst dich nicht allein, weil dich eine behutsame Frauenstimme über einen Kopfhörer in die hohe Kunst der kurzen Entspannung einführt und durchbegleitet: „Ich entspanne mich und sammle Kraft und Energie für die Aufgaben des Tages“, „Ich möchte meine Arbeitskollegen mit Würde und Liebe begegnen“. Rosenkranzgebet in Einheitsreligionssprache quasi. Die Massage selbst: Für einen Sessel gar nicht so schlecht. Das alles für mich allein im stillen Kämmerlein, ohne das Jemand Hand anlegt.
Beim Verlassen dieser neuen Errungenschaft schäme ich mich fremd. Für das, was sich Menschen an Absurditäten so einfallen lassen.

Beim Nachhausefahren schnappe ich in den Nachrichten noch eine beruhigende Information auf: „In wenigen Jahren werden wir den besten Sex unseres Lebens mit Robotern haben.“ Die Zeit arbeitet für uns!

Ist es doch besser zu denken, dass man auf dem falschen Stern lebt, als zu erfahren, dass es den richtigen gar nicht gibt. Wohin tendieren Sie?

eine nach wie vor verspannte Plößnig

 

 

27. Oktober 2017

Ich mache Holz. Ich hole Wasser

Lieber Linhart!
Wahrlich, wahrlich, bin gut gereist! Und Ihre Euphorie scheint keine Grenzen zu kennen. Sie, derart überschwänglich – im Herbst? Sie schmeicheln mir – oder doch der ungarischen Stadt? Beides stört mich ganz und gar nicht.

Ein blassgelber Kürbis am Tisch, orange Ringelblume in der Vase, dunkelblaue Weintrauben in der Schüssel und tiefrote Rote Rüben Knödel auf meinem Teller. Das Bild heute auf dem Mittagstisch erfüllt mich mit Zufriedenheit. Heute kann ich erzählen, vom Nicht Unterwegs Sein, vom Alltag, wenn er einen ruhigen, fast meditativen Rhythmus vorgibt und ich mich sicher fühle in dem mir selbst gesteckten Rahmen. ich kann erzählen, dass die Stimmung im Garten so kurz vor dem Einbrechen des Regens dicht wird, dunkelgraues Licht und feuchte Wangen. Quasi Wolken, die nach mir greifen. Ich kehre Laub, ich bringe die frostempfindlichen Pflanzen ins Haus, ich schneide ein paar Herbstastern zurück und lege einige Tulpenzwiebel in die Erde. Eine Reise nach Innen.

Stets die Ihrige 🙂

22. Okt. 2017

Liebe Plößnig!

Dass sie mich bei unserem ersten gemeinsamen Ausflug nach Ungarn schleppen, mich als Chauffeur anstellen (um nicht degradieren zu sagen), mit mir essen und schlafen gehen, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen getraut. Echt gelungen. Wem verdanke ich das? Diesem Wiener Künstler mit Györer Wurzeln, auf dessen Spuren sie waren? „Jeder Zentimeter eine Geschichte“ schreiben sie über ihn. Geniale Formulierung. Da ist ein Katalog im Entstehen. Ich hätte gerne ein Exemplar, bitte.

Vier Flüsse vereinen sich in Györ, die kleine Donau bringt sie dann in die Große. Da sie mir relativ viel frei gegeben haben, konnte ich mir ein elegantes Bild von dieser sympathischen Stadt machen. Einst letzte Bastion gegen die Türken vor Wien, heute mit Thermalbad mitten in der Stadt, so groß wie Klagenfurt. Ich möchte nicht wissen, was politisch in dem Land vorgeht. Normalerweise bekomme ich einen Ausschlag bei rechtsnational. Ich sehe Studenten und einfache Menschen auf Rädern. Relativ wenig Snobismus. Das ist erholsam. Gut, das große Audiwerk haben wir ja nicht besucht, auch nicht die Modelleisenbahnfabrik. Dafür die große Donau, immer noch das Völkerverbindendste, was wir haben. Beim Reisen braucht man Augenzwinkern und keine Blindenschleife. Ich finde sie reisen gut, auch wenn ich fahre.

Ihr Leibchaffeur

20. August

Sein Glück in der Anarchie finden.

 

 

 


Es deprimiert mich, auf Menschen zu treffen, die Mitten im Leben so tun, als seien sie schon fast gestorben. Das Ganze mit trauriger Miene. Zum Beispiel, wenn der Partner stirbt, oder sich eine chronische Krankheit hintertückisch in die eigene Biographie einschleicht. Nicht, dass ich diese Schicksale nicht auch als sehr belastend sinden würde. Aber. So ein Sterben kann dann mitunter Jahrzehnte dauern. Mitten im blühenden Leben.

Ein Freund sagt dazu, jeder Mensch hat triftige Gründe für sein Handeln, Denken, Lassen. Das mag stimmen. Mir kommt zunehmend die Leidenschaft abhanden, solchen Dingen auf den Grund zu gehen.

Linhart, haben Sie ein besonderes Talent dafür, sich lieben zu lassen? Das ist doch eine bemerkenswerte Tugend, von der man viel mehr hat, als von vielen anderen…

Ich hab die Orientierung verloren.

Ihre Plößnig

18. August

“Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich;
aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln
und das Leben geht weiter,
als wär man nie dabei gewesen.”

– Karoline, in “Kasimir und Karoline” von Ödön v. Horvath

6. August 2017

Falkenstein
Weisser Kalkbruch
Hitzebeständiges Rebgrün
Altes und neues Gemäuer läuten
Einen Tag aus und ein

 

 

 

 

Liebe Plößnig!

Zwischen den Zeilen
Eines Weingartens
Tünkt mich in der Hitze
Meinem Herzen ist kalt

Obwohl sich der Erfolg
Stets um das Äußere bemüht
Wird die innere Ernte eines Sommers
Sozial wohl klein

Spring über
Deinen Schatten sagt
Sich so leicht
Bei Gegenlicht

Nur das Grün
Eines Engels und
Dessen Flügelwind

Stottern dem zart
Entgegen

Plößnig, worauf wird am meisten verzichtet?
Liebe, Sex, oder Demokratiefähigkeit?
Wenn sie an das zweite denken, liegen sie, wenn auch unberührt, richtig.

Ich schreibe mir ins Tagebuch der Lückenhaftigkeit:
Halte deine Spontanität bei Laune
und verzichte hin und wieder auf den Verzicht!
Lass erst alles beim Alten wenn du einen neuen Standpunkt hast.

P.S.: Plößnig, ich habe lange nichts geschrieben, aber jetzt fühle ich mich wie nach einem guten Friseurbesuch. Wie war ihr Sommerzwischenresümee?

 

16. Juli 2017


Am Berg.

Am Berg erfährt frau Neues. Zum Beispiel, dass über die Sommermonate auf Österreichischen Berghütten gastarbeitende Sherpas mitarbeiten. Die Welt wächst zusammen. Und meistens regiert Geld die Welt…

In der Luft.
Der Naturfreund erzählt eine Geschichte, die sich heute in dieser Weise wahrscheinlich nicht mehr zutragen könnte: Ein Bergretter soll einem Kollegen das Drachenfliegen beibringen. Beide befinden sich mit dem Drachenmodell auf der Gemeindealm. Lernender: Was muss ich tun? Lehrender: FLieg mir einfach nach!
Alle beide leben und fliegen heute noch!

Wasser.
Ich hab heute keinen Wein getrunken.
Was macht Ihr Weingarten, Linhart?

15. Juli 2017

Lieber Linhart,
unlängst war ich unterwegs rund um Mitterbach am Erlaufsee. Ungestillter Hunger nach wachen Augenblicken wird häppchenweise gestillt:

Guter Wein,
der zum Abendessen gereicht wird, kommt ausnahmslos nicht aus dem Weinviertel. Dieses – ca. 150 Klometer entfernt von hier – scheint ein unbekannter Fleck Österreich zu sein. Vor 25 Jahren, als ich mich in diesem östlichen Teil von Österreich sesshaft machte, war das noch ausgeprägter. Vom Rest der Welt quasi nicht gesehen zu werden. Das hat mir gefallen. Wenn schon im Abseits, dann am besten ziemlich ausführlich und unerkannt.
Das Abseits rückt immer mehr in die Mitte meines Daseins. Ich trage es mit mir herum. So ist es auch in diesem Gasthaus zu spüren, wenn der Wirt davon spricht, dass es ihm gefällt, nur mehr für Gäste zu kochen, die ihm zu Gesichte stehen. Dazu reicht eine kleine Gaststube. Dieses Mal hatten wir anscheinend das richtige G’wand an.

Die Hüttenwirtin erzählt
von einem Gast, der sie darum bittet, eine Weinbergschnecke für sie zu kochen oder davon das seine Frau vor der HÜtte hin und her geht – auf einen Zug wartend, der hier wohl nie vorbei kommen wird oder von einem Gast, der sich für die nächste Saison als “Tragesel” zur Verfügung stellt, damit die Wirtin die Lebensbittel nicht mehr mit dem umweltverschmutzenden Fahrzeug den schmalen Weg hinaufkarren muss oder davon , dass ihr gastronomisches Angebot für VeganerInnen darin besteht, die Möglichkeit bestehtl, sich bei den Früchten des Waldes rund um die Hütte zu bedienen
Selbstpflücken.

Der Naturfreund
wirkt wie jemand, der immer mehr zu einem Teil von ihr wird, ihr, der Natur.

13. Juli 2017

Lieber Linhart!
Weltschmerz am Donaukanal. Ich werde wegziehen aus dem Dorf. Innerlich vorerst einmal. Gedanklich lass ich mich mit dem Wasser wegtreiben. Nur weg vom Stillstand. Wein gibts fast überall auf der Welt!