lost in lissabon

Plößnig, ich muss Ihnen noch etwas sagen. Ich verliere Sie. Ich, oder meine literarische Physis endet in Lissabon, einer Stadt, in der die Schiffe stehen und die Stadt sich bewegt.

VORLETZTER TAG

Im hop-on-hop-off-Boot quere ich den Tejo zur Cacilhas Pier. Wie vermutet, ist es hier etwas prunkloser. Im Hafen liegt ein schwarzes U-Boot auf Gerüstböcken. Die Wohnung des Teufels wird renoviert. Frech und schwanzlos steht es in einer Wanne ohne Wasser. 
Über das Ufer erstreckt sich ein Lösshang, umsäumt von Hafenruinen, so regelmäßig verfallen, als seien es gewachsene Filmkulissen. Wo Löss ist, muss doch auch Wein sein!
Oberhalb segnet die übertriebene Christusstatue die vom Straßen- und S-Bahnverkehr ächzende Hängebrücke. Wann wird sie der Teufel holen?

TAGSDRAUF

Westlich von Lissabon probieren sich Stein- und Felsküsten, also unten liegende Wasserfälle mit Salzgeschmack. Das Meer, die horizontal schwimmende Unendlichkeit, riecht an meiner Haut ein bisschen auch nach Leberkäse. So macht mit das Halluzinieren Spaß!
Die letzten vier Kilometer vor dem Strand von Guincho gehen gefühlsmäßig ein wenig bergab. Trotzdem müssen wir ziemlich in die Pedale treten. Doch das ist nur die Vorhut. Am Sandstrand bläst  es mir die Gehörgänge durch. Meine spärlichen Sinne im Kopf werden zur Autobahn. Hier schießt der Atlantik wie ein wilder Präriehund ins Flache. Der Wellenstaub zerkratzt die fröstelnde Haut. Menschen, meist Väter mit Söhnen, die sie scheinbar nicht mehr brauchen, kämpfen sich mit Board und Neoprenanzügen in die Flut. Rundherum ist Sommer, zumindest von den Lichtverhältnissen her. Die Sanddüne behauptet es selbstbewusst. Der Atlantik ist der größte Sommerkühlschrank, den ich je gesehen habe. 

22.7.2019

Linhart!

Ich stelle mir vor, jetzt geht die Phantasie mit Ihnen durch – die Erzählung über das prekär-ausschweifende Leben der Fadosängerinnen anno dazumal; die sehr kurzen Hosen der meisten Touristinnen; die mindestens in Vierteln eingeschenkten Gläser Wein; der salzige Wind;…vielzählige Sinneseindrücke beflügeln sie…Sie sprechen sogar davon, endlich einmal den Kaffeegenuss mit mir teilen zu wollen! Bleiben Sie auf der Welle, solange Sie können, da sind Sie so schön handlich!

Reisehinweis: Ein Espresso am Rossio kostet EUR 1,60, am Kiosk vor dem Friedhof Prazeres EUR 0,60.

Stellen Sie sich vor, in der schönsten Kathedrale von Lissabon gibt ein junger Mann unangekündigt und zufällig ein Orgelkonzert. Die Königin der Instrumente nimmt sich Raum bis in die letzte Ecke, ein Großteil der TouristInnen nimmt kaum Notiz davon, plaudert lautstark und unberührt davon weiter. Bach bräuchte Stille. Ich verlasse traurig die respektlose Szenerie…

Stellen Sie sich vor, am Bahnhof Oriente bestellte ich mir ein Hot Dog (Touristin!!) ohne Wurst. Der Verkäufer denkt kurz nach und bereitet mir das köstlichste Salat-Brötchen der Woche, obwohl Vegetarisches gar nicht auf seiner Karte steht…

Stellen Sie sich vor, mir gefällt eine Arbeit von Hundertwasser! Ein Kachelbild unter der Erde ….

Stellen Sie sich vor, der Kellner räumt grinsend und offensichtlich am Morgen ein Kondom vor dem Eingang seiner Prelerija weg und stellen Sie sich vor,  ich entdecke ein sehr ähnliches Corpus delicti auf der Rückseite von Bosch’s Tryptichon von “ der Versuchung des hl. Hyronimus“….

Stellen Sie sich vor, ich finde die empfohlene Naturweinbar Comidia Independent in der Rua da Cais do Tojo und stellen Sie sich vor, der Somelier kredenzt uns als Abschluss der Weinkost einen perfekten Portwein und stellen Sie sich vor, der war aus Spanien! Ihm war jede Süße genommen, es blieb das bittere Trauben-/Alkohol-/Mandel- und Sonstnochwas-Konglomerat. Betrunken ließ ich mich ins Hotel wanken! ….

Montag.

Stellen Sie sich vor, Sie kennen jemanden schon so lange Sie sich erinnern mögen und Sie erkennen sie hinein bis in die Seele, also zugleich gar nicht und nichts und niemand könnte Ihnen dieses Wissen nehmen, und stellen Sie sich vor, wie unendlich groß der Spielraum zwischen Ihnen beiden sein muss, damit Ihrer beider Atem strömen kann, Hand in Hand mit der Stetigkeit der Allgegenwart, ungehindert dem Begehren entlang, dem Kairos einer Sternstunde entgegen. Stellen Sie sich vor, eine tosende Meeresbrandung an einer Felsenküste; so viel Spielraum wie ihn das Meer sich nimmt, müsste es wohl sein…

Dienstag.

„Es gibt ja noch mehr als Beziehung!“, welch hoffnungsvoller! (bedeutungsschwerer!/zukunftsweisender!/eschatologischer!!unerotischer!/erboster!)  Satz aus Ihrem Munde, nach einer traumlosen Nacht! Heute sind Sie alles andere als katholisch!

Ich spitze meinen Bleistift.

20.7.2019

Senjora Plößnig!

Es gibt eine kleine Differenz  zwischen Intro- und Extrovaganz. Die Selbsteinschätzung. Mein Bahnhof im Kopf funktioniert prächtig. 

Auch Rossio ist ein Kopfbahnhof . Die Geburt unserer Reise quasi. Als wir von der Metro zum wichtigsten Platz der jungen Demokratie emporkletterten und das erste Bier, dann Wein und Ginja tranken.  Von dort wir unser nahgelegenes Hotelzimmer fast nicht mehr fanden. Dort wo ich unter Ihrem Aufschrei das im Reiseführer beschriebene Puppenspital fand, direkt vor unseren Augen. Dort sind wir in die Woche geboren, am Praca de D. Pedro IV. An jenem Platz, der seit dem Mittelalter der wichtigste Lissabons ist. So klein kann kein Zufall sein. Wir schreiben westeuropäische Geschichte und Sie meinen, ich verstecke mich? Am Montag, zum Aufbruch in die nächste Woche, lade ich Sie in das selbe Lokal zum Geburtstagtrunke ein. Damit Sie es ein für alle mal wissen. Am besten, Sie streichen sich den Tag rot im Tagebuch an.

Meiner Empfindung nach ist hier relativ wenig Platz zum Verstecken. Die Offenheit der Stadt gegenüber schwarz und weiß, die etwas rau(er) aber freundlich (er als z.B. Italiener) wirkenden Einheimischen geben einen Kommunikationscocktail vor, der sich zwischen Brasilianischer-Samba- und Einfache-Fischer-Mentalität einreihen lässt. Man isst Gast im besten Sinne des Wortes.

Dass wir fast im Fadoviertel wohnen, ist ein weiterer Beweis unseres Reiseglücks. Katholisch von oben bis unten, dazwischen die Mauern der Mauren und dann diese Riesensehnsucht nach dem Mehr in den Fischerherzen. Wenn du nicht weißt, was du essen sollst und nicht weißt, ob du von der Arbeit zurückkehrst, dann verliebe dich in die Stimme eines Singvogels und hau ab mit ihr. So würde ich Fado beschreiben.

Fado kann, wie Sie schon erwähnten, nur in sehr kleinen Bissen zu sich genommen werden, sonst landet die Seele in einem goldenen Pufftabernakel. Die Landschaft rund um Lissabon, allen voran die Tejomündung, lässt uns davon kosten. So stelle ich mir ab heute das Paradies vor: Bigotte Strände, die lustvolle Ehrfurcht an der Ernsthaftigkeit des Atlantiks, absolutes Badewetter, wie wir es erlebt haben und dann die gefühlten 16,5 Grad Celsius Wassertemperatur, die es einem Hosenscheisser und Katholiken wie mir nicht ermöglichen, in die Unendlichkeit zu schwimmen. Sie waren mit großem Herzklopfen wenigstens drinnen. Im übrigen ist der Sex mit Ihnen sehr anspruchsvoll. Das sollten Sie in einer guten Stunde Ihrem Mann gegenüber erwähnen.


18.7.2019

Lieber Linhart!

Mein Mann ist sehr großherzig. Und stur.

Und mein Wohlergehen begründet sich im Augenblick, in der Aneinanderreihung unauswechselbarer Augenblicke. Er begründet sich darin, ihm meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab Urlaub und Zeit und den Luxus uneingeschränkter Gedankenfreiheit. So selbstverständlich das klingen mag, auch ich lass mich vom Alltag manchmal dazu verleiten, fernab meiner Möglichkeiten zu leben. Eine Fadosängerin ist an mir allerdings nicht verloren gegangen. Derart viel Schwermut und Sehnsucht erlebe ich höchstens im Anblick eines tiefen Abgrundes von einem hohen Berg herab. Oder jetzt, wenn die Sonne untergeht über dem Atlantik. Also an Örtlichkeiten, die ich selten aufsuchen. (Schade?!)

Linhart, Sie zeigen leichte Tendenzen, sich zu verstecken in einer leuchtenden Stadt. Fernando Pessoa tat das auch: „Kein Blumenstrauß hat für mich je die farbige Vielfalt Lissabons im Sonnenlicht.“ Angeblich verreiste dieser schillernde Dichter nie, sondern konzentrierte sich auf seine Abenteuer im Kopf; „…von Bahnhof zu Bahnhof im Zug seines Kopfes.“

Was leuchtet in Ihnen, Sie Meister des Rückzuges?

Stets die Ihre!

17.7.2019

Liebe Plößnig!

Entweder ist Ihr Mann dämlich oder sehr großherzig. Die meisten Männer sind eine mehr oder weniger gute Mischung davon. Es ist mir egal, wie Sie ihm dieses Literaturprojekt in Lissabon verkauft haben. Wir sind am westlichsten Punkt Europas mit zwei Kugelschreibern und einem Tablet.

Die Tejomündung ist tonangebend. Der Fluss durchschneidet gefühlvoll die Stadt, die Schere öffnet sich dem Atlantik. Amerika lässt grüßen, Good Old Europe verabschiedet sich imposant.  Sie haben mit Blick auf die rote Hängebrücke gesagt, dass es Ihnen sehr gut gehe. Wie begründen Sie diesen Ausnahmezustand? Auch ich bin tausendmal lieber Europäer als Ami.

24. Juni 2019

Sie werfen mir Wörter zu. Eine Fünftagewoche lang. Jeden Tag ein neues. Exerzitien von Angesicht zu Angesicht. Ohne einander zu sehen.
Kann ich Sie damit erraten?


Tau

Der frische Montagmorgen. Sie stehen im Weingarten und beobachten, was sich da tut. Müssen Sie intervenieren oder lassen Sie den Pflanzen ihren Lauf? Regelmäßig neue Entscheidung: sollen Sie sich einmischen oder nicht? Sie merken es im Unterton: hier romantisiert eine Ahnungslose die Natur – ich rechne nicht mit der Unberechenbarkeit des Wetters! 

Kilo.Meter

Da soll ich wohl eine Zahl einsetzen, um damit die Entfernung zwischen Ihnen und mir festzuschreiben.

Tagebuch
Ich lasse Sie teilhaben an meinen laufenden Ermittlungen:
„Die Enten am Wolfgangsee kommen in der Dämmerung ans Ufer geschwommen um an Land zu gehen. In der Wiese suchen sie nach Futter. Nach zirka 1 Stunde beenden sie diesen Landausflug. Es ist mittlerweile vollkommen dunkel.“

Dusche

Eine kalte? 
Welchen Schmerz waschen Sie ab?

Demut

Wie lange ich schon scrollen muss, bei der Bestellung im Internet, wenn ich dazu aufgefordert werde, mein Geburtsjahr zu nennen.

Können Sie mit Johanniskrautöl etwas anfangen? Ich möchte Ihnen gerne eines schenken!
Heute, aus der Entfernung, die Ihre

16. Juni 2019

Liebe Plößnig!

Den Text lasse ich berührt stehen. Literatur kann zwar kein ganzes Leben retten, aber viele Augenblicke.

Sie waren im Kloster an einem See mit 17 Grad. Schweigen, Schwimmen, Schnitzel essen. Ich höre nämlich nächtlich ihr Telefon ab, ganz legal mit dem Herzen.
Ich bin zwar ganz und gar nicht in Urlaubsstimmung, aber die Morgenstunden verbringe ich im Weingarten.


der sommer windet sich 
mit heißem wind
dem nächsten unwetter
wenn der wein blüht
läuft einem das wasser 
im mund und sonst wo 
zusammen

13. Juni 2019

Lieber Linhart,
es gibt zur Zeit einen Nico Bleutge, der für mich spricht:

Wolfgangsee

waldkante, witterung. hartes, fast ziehendes licht

an den blättern. lichtfitzel, glister, daran ist nicht

zu tippen. wo draußen ist, innen. wenn du die muster 

auf den körper legst, farne von hinten, linien

ins licht ziehen. dimmen. verschwimmen

die wasser, nachts? was flanken sind, wechsel

keinem wetter ausgesetzt. das mußt du sehen

lichtwabe, schwisternde stoffe, puls

der wie ein faden ist, für diese andere seite

von sicht. wach sein, im blistern, atmende

flechtende haut, die ihren umriß quert. was

unscharf ist, bindet. nicht gezinkt. das brennt

im hals, da bleibt die spucke weg. wenn

du ins wasser, in die schwarze kante steigst.

dem ist nichts hinzuzufügen