18. Oktober 2018

Berührung findet nur an der Grenze Statt
foto: T. Kulcsar

Ich: Mein Bruder hat eine neue CD zusammen mit Freundin und Freund herausgebracht. Da wir einen gemeinsamen, schon verstorbenen Vater haben, berührt mich naturgemäß „In Friedl seina“, eine musikalische Widmung an ihn, am meisten. Für 2:39 Minuten lang ist Vaters leichtfüßige Herzlichkeit aus hellen Tagen konzentriert, präsent. Tanzen möchte ich dazu und nicht denken.
Du: Ich komm heim, wenn’s dunkel wird.

Sie: Ich hab mir den Kopf verdrehen lassen, sodass mir schwindlig wird und das ganz ohne Musik. Wie federleicht!
Er: Kommst du erst oder bist du schon da?
Ist das zu vollmundig gesprochen
?

Linhart, verführen Sie mich doch an jenen Ort, an dem sonst nichts mehr von Bedeutung ist, und vergessen Sie nicht, mir ein Glas Wein einzuschenken.

 

 

17. Oktober 2018

Krieau

Mir ist zu Ohren gekommen: Sie verweigern – trotz stetiger Nachfrage– eine psychotherapeutische Begleitung und bevorzugen stattdessen regelmäßige Ausflüge nach Wien, an ungeahnt unbekannte Orte, an Plätze der Unsicherheit oder der Verwirrung. Glauben Sie, sich damit aus den Abgründen der eigenen Liebesgeschichte freizuspielen, freizutanzen, freizuträumen?

Wussten Sie, dass sich Krieau von Kriegsau ableitet – es gab da einen langjährigen Territorialkampf zwischen dem Stift Klosterneuburg und der Stadt Wien, wem wohl dieser Flecken gehört. Sie, also doch mit großen Hintergedanken, die Krieau vorgeschlagen, um Beziehungskämpfe auszutragen?

Und – wie war es?

Was halten Sie in weiterer Folge von einem Ausflug ins Museum der gemeinsamen Irrtümer, elf Sekunden vor jedem Bild verweilend, nicht länger?!

12. August 2018

Plößnig!

Vorweg: Sie leben ja richtig wieder. Nachweg: Ich auch. Ich habe ihren Mann und  – wie er sich selbst definiert  – „Urlaubschaffeur“ dazu bewegen können, mir seine Sicht der Italienreise zukommen zu lassen. Also hier exklusiv ihr Mann:

Bassano del Grappa im August 2018

Wenn der Morgendunst über den Monte Grappa aufsteigt, kündigt sich ein heisser Tag an. Tropennächte sind hier sowieso all inclusive. Im Krieg gegen Österreich hat es einmal so stark geregnet, dass die Schlussoffensive vertagt werden musste. Es hätte nie aufhören dürfen zu regnen.

Die Stadt am südlichsten Zipfel der Kalkalpen durchfließt der kühle 174 km lange Brenda  Keine Ahnung, warum ich mir diese Zahl merke. Sein Mündungsstück wurde einst zum luxuriösen Kanal für den Landadel umgebaut. Endstation Markusplatz, Venedig, samt Künstlern und Komödianten. Heute beherbergt der Fluss (hauptsächlich in Städten) auch Ratten.

Bassano, wörtlich „vor dem Berg“, entspricht den italophoben Romantikansprüchen durchwegs. Die Burg anno 998, auch diese Zahl lässt sich nicht aus meinem Kopf löschen, Palladios Renaissancebrücke, Franziskanerkloster – heute das schwer attraktive Stadtmuseum, Piazzas, Gassen und Häuser, alles wie hingemeißelt und kulinarisch perfekt umspielt. Einziger Störfaktor sind der Auto- und Motorradverkehr. Die Innenstadt liegt quasi am goldenen Schnitt. Nur am Freiheitsplatz, bestückt mit ausschließlich historischen Bürgerhäusern, erscheint mir als einzig nicht gelungene Fassade jene der Barockkirche.

Ein Abstecher führt in die Weinwelt um Valdobbiadene. Aus der Distanz erscheint es wie Bacchus‘ Sommerlager oder der Olymp in Weingartengestalt. Wenn du dann in den Weingärten stehst, verbrennt dir die göttliche Sonne das Haupthaar und der geschätzte winterliche Arbeitsaufwand neigt sich aufgrund der fehlenden Flachstellen ins Unmenschliche. Noch entsetzlicher stelle ich mir hier nur mehr die Mühe von Radfahrern vor, deren es aber dennoch weit mehr gibt als Winzer. Im Übrigen empfinde ich den Marketingexportschlager Prosecco geschmacklich weit hinter dem Wein, aus dem er gemacht ist. Das Gesetz, dass Massenexport die Seele der Weinregion zerstört, geht hier recht schön auf. Der eine Winzer, den ich beim (von meiner Begleitung inszenierten ) Verkaufsgespräch kennengelernt habe, scheint ein freundliches, sehr fleissiges Muttersöhnchen mit weissem Audi Coupee zu sein. Die Familie im klassischen Sinn funktioniert in Italien noch recht gut. Vor allem im Negativbereich. Gute Mütter töten (im Sinne von entmündigen) ihre Söhne noch bei Lebzeiten. Der Winzer hat dennoch Hoffnung auf eine bessere Zukunft und baut aus. Unterstützt von der EU mit € 85.000 Förderung, nicht zu verwechseln mit einem Darlehen.

Dass ich mich bei meiner schönen Begleitung durchgesetzt habe, jeweils am Anfang UND am Ende der Reise einen Abstecher zum Meer zu machen, grenzt an ein Wunder. Chaffeursbonus sozusagen. Es gibt da einen Trick, um einen Ort wie Caorle auch für den Individualkulturmenschen zugängig zu machen: Blick in Richtung Süden. Dann Anbringung einer Scheuklappe an der Ostseite des Sonnenhutes. So wird jener Teil des Strandes mit den aufgestapelten menschlichen Ölsardinen unsichtbar und der Blick auf das Meer entspannt wie auf einer historischen Phototapete. Einzig beim Schwimmen gehen muss ich mich an den Massen kurz vorbei schummeln, aber nach ca. 200 Metern gen Horizont fühle ich mich plötzlich so alleine wie zu Hause in der Badewanne. Auch das Rückenschwimmen bei der Landkehr hilft.

Zurück ins Veneto. Die Schönheit und Traurigkeit der Landschaft ergänzen sich. Meine österreichische Seele, zutiefst dem Meerzugang beraubt, fühlt sich hin und wieder fremd in der europäischen Heimat. Ein Luxusproblem angesichts der Zwangsvölkerwanderungen rundum.

Auch ich finde neben meiner Frau keinen vernünftigen Zugang zum „1. Architekten“ Palladio, dem ein gigantischer Bauaufschwung in der Renaissance gelungen ist. Der Einsatz der Antike in Ehren, aber den Sexappeal der Gotik erreichen diese Werke einfach und kompliziert nicht. Das schönste Haus, das ich in Norditalien zu Gesicht bekam, ist der romanische Stephansdom von Caorle, samt schiefem Glockenturm daneben. Schlicht, schnörkellos und freizügig, wie es im Katholischen nicht immer der Fall ist.

So. Ich danke Ihrem Gatten für seine netten Ausflüge und -führungen. Seine Worte klingen irgendwie so, als ob ich selbst dabei gewesen wäre. Also danke für’s Mitfahren, Ihnen beiden.

Liebe Grüße: Der andere Linhart.

7. August 2018

Vincenza
1 Zum Willkommensgruß regnet es. Nach 10 Tagen ununterbrochener Hitze gibt es kein schöneres Geschenk von Oben.

1 Palladio, das ist lange her. Seine Häuser stehen heute noch. Ich komm nicht rein.

2 Vorab mag ich von dieser Stadt vor allem den Klang ihres Namens. Im Nachhinein kommen noch die leicht gebogenen Häuser dazu. Sie erwecken den Eindruck, in Bewegung zu sein.

3 Il CEPPO. Ich wundere mich, dass ich hier für ein Glas Grillo (Wein aus Sizilien) um 1,5 Euro mehr bezahle als in einem Lokal in Bassano. Nachdem ich dazu warme, gebackene Stockfischkugeln und frisch zubereitete Croissinis serviert bekomme, scheint mir der angeschlagene Preis fast unverschämt niedrig.

6. August 2018

Auf der Weinstraße im Proseccoland

1 Die schönsten Männersandalen des Sommers trägt ein Vespafahrer, der mir auf einer Kreuzung in Valdobbiadene den Vortritt lässt: schlicht, schwarz, in Leder.

2 Ich erschrecke ob der Wucht der Schönheit der Landschaft. Allerdings: Je näher ich hinsehe, desto weniger genau möchte ich schauen.

3 Der Winzer, den wir besuchen, spricht in einem sehr vertrauten Tonfall von seiner Arbeit. Die Winzerei im Veneto dürfte jener im Weinviertel ähnlich sein: Die Abhängigkeit vom Wetter, die Vereinheitlichung des Kundengeschmacks, die Vor- und Nachteile der EU und die Mutter, die das „Chefin-Sein“ nicht lassen kann. Das hab ich zumindest verstanden zwischen meinen dürftigen Englischkenntnissen und seinem schönen Italienisch.

 

5. August 2018

Lieber Linhart! Ich bin in Urlaub! Das sollten Sie wissen:

Bassano del Grappa
1 Der Mann am Nebentisch hat keine Hemmungen, schon vor 12 und in der erneut erstehenden, sengenden Mittagshitze ein Glas Prosecco zu bestellen. Er sitzt mit Blick auf das Franziskanerkloster. Seinen Prosecco bekommt er serviert mit einer Erdbeere und einem Schüsserl Chips. Sein Hund hat seine Schale mit Wasser schon ausgetrunken, bevor das Herrl den ersten Schluck macht.

2 Im Museo Comunale werde ich gleich zweimal überrascht. Das kommt nicht häufig vor. Das erste Mal, als ich sehe, dass in diesem Museum die Bilder mit der Rückseite nach vorne aufgehängt wurden und sich ein neuer Blick auf die Werke und eine ungekannte Neugierde auf das Dahinter, das ja im Normalfall das Davor wäre, einstellen. Das zweite Mal überrascht mich der Film über einen Künstler, der die Rückseite von Werken Alter Meister akribisch detailiert und täuschend echt nachkonstruiert. Nach dem Betrachten dieses Filmes möchte ich noch einmal mehr wissen, was hinter dem Dahinter zu sehen ist. Ist es echt, ist es eine Täuschung? Ich bin richtig beglückt darüber, keine Antwort darauf zu bekommen.

3 Ein Teil der Seele hat sich die Wirklichkeit gewählt, ein anderer den Traum . Beide haben sich ineinander vermischt, um meinen Tag zu bilden.

4 Vor nicht allzu langer Zeit trugen Menschen Babies auf dem Arm. Jetzt tragen sie Hunde. Das geht genauso gut.

5 Auf jedem Baum hing ein Partisane. Allzu dick sind die Stämme heute noch nicht, so jung wie die Burschen damals.

6 Im Keramikmuseum ist es kühl während man draußen auf der Straße um die 35 Grad misst. Trotzdem verirrt sich kaum jemand herein in die kühlen Räume und so steht es 2 zu 2: Mein Mann und ich und der Mann an der Kassa mit der Frau, die die Aufsicht innehat. Wir bevölkern also diese durchkomponierten Räume für eineinhalb Stunden zu Viert. Zum Ende hin sind wir uns richtig vertraut und ich schreibe einen freundlichen Satz, den ich ehrlich meine, ins Gästebuch. Wohl als Gegenleistung bekomme ich einen kleinen Katalog geschenkt.

7 Unsere Herberge betreiben drei Geschwister. Sie kommen mir vor wie drei Figuren aus der Commedia de L’Arte. Ein Weißclown. Ein Mönch. Eine Nonne. Sie üben sich in unaufdringlicher Höflichkeit – eine wohltuende Freundlichkeit. Das Frühstück ist wunderbar. Frisch. Vor allem die Kuchen lassen nichts zu wünschen übrig. Ich fühle mich rundum sehr gut aufgehoben.

 

Juli 2018

Litschau

1 Ich habe bei dieser Kurzreise zum ersten Mal den Eindruck, dass es manchmal besser ist, weit weg zu fahren um schnell auf andere Gedanken zu kommen. Die vertrauten Plakate, die zum Feuerfest einladen, die Kirchen mit den altbekannten Heiligen in der Apsis und die Sprache halten mich fest im Alltag.

2 Die zweite Möglichkeit: in der Nähe in die Tiefe sehen. Da erlebt man noch nie gesehene Wunder.

3 Der Wetterexperte aus Litschau erklärt uns den Weg zum Gasthaus (Pertzy) am nördlichsten Punkt in Österrreich. „Mindestens zweimal denkt man sich, es geht jetzt nicht mehr weiter, da muss man durch und plötzlich, im Rottal, dem Tal der Liebe, erscheint linker Hand das versteckte gastronomische Kleinod.“ Wir folgen seinen Anweisungen und finden alles so vor, wie versprochen. Unsere Enttäuschung ist aber sehr groß. Heute Ruhetag.

4 Das Schaufenster der Greißlerei ist vollgehängt mit Kleidern, wie sie meine Großeltern noch getragen haben. Die Preise, die auf den Preisschildern ausgeschrieben stehen, scheinen willkürlich gewählt . Im Laden drinnen erschlägt dich die Patina, die über allem liegt. Es gibt schon frisches Obst und auch frisches Gebäck, Milch, Wurst. Und es gibt jahrealten Staub, der sich auf Längerfristigem versammelt hat. Nähseide, Geschenksverpackung, Waschpulver, Nylonstrümpfe. Wir kaufen eine Teigspachtel und zwei Seidenblumen. Das Erlebnis ist groß.

5 Ein ausgedehnter Golfplatz in Haugschlag. Am Abend werden mindestens 15 große Beregner eingeschaltet. In großen, weißen Fontänen wird die Fadesse der Golfspieler begossen. Wie traurig.

Nachtrag, Juni 2018

Hardegg

Er: Wie gut es tut, wenn jemand nur zuhört, ohne Kommentare auf das Gesagte abzugeben.
Ich spreche zwar gerne über das Altsein, ich fühle mich aber sehr jung, jünger vielleicht sogar, als meinem Alter entsprechend.
Eingetaucht sein in einen Bottich aus Liebe.
Ist das romantisch.
Eingebettet sein in einen Wald voller Grün.
Ich bin Dir nahe.
Einen eigenen Weingarten haben. Welch ein Luxus.
Welch ein Glück, in manchen Dingen seelenverwandt zu sein.
Etwas Nachhaltiges zu sagen, heißt auch, dem anstrengenden Zeitgeist etwas gegenüber zu stellen.
Das tu ich doch.
Ich bin langsam.
Das ist ein Gegenüber, das herausfordert!
Sie: Oh!

3. Juli 2018

Ich kann es selbst kaum fassen. Ich komme nicht zum Schreiben.
Der Weg zum Computer ist nicht weit, auch meine Gedanken an Sie sind zumindest da.
Es ist traurige Realität: die Muse küsst einen wie mich nicht als Ersten.

Wo soll ich jetzt anfangen?
Ich habe eine Reihe von Verzeiflungen hinter mir und gewiss noch viel mehr vor mir. Nicht nur, dass meine Mutter zum Teilzeitpflegefall mutiert ist und ich meine Aufmerksamkeiten vor allem in Jobs investieren muss, – gelinde gesagt: ich bin einfach schon lange nicht geküsst worden, weder von der Muse noch von Ihnen.
Wer wird beginnen?

Ihr M