5. Jänner 2019

Mutters Neujahrsansprache.
Ich spreche mit meiner Mutter am Neujahrstag. Dieses Mal überrascht sie mich mit einer ungewöhnlich fröhlichen Ansage: „Die Generationen nach mir sind derart lebensbejahend“, meint sie,  „ich glaub, es geht uns deshalb so gut, weil viele junge Menschen so positiv denken und reden…Dass es einem gut geht, hat eben viel mit dem Denken zu tun…und dass man Freude an einer Arbeit findet, hat mit dem Herzen zu tun…“
Mutter erzählt mir außerdem, dass sie  beim Nähen der Puppenkleider für die Puppen ihrer zwei jüngsten Enkelkinder bemerkte, dass diese Verwandlung eines einfachen Stückes Stoff in ein schmückendes Ensemble den Kleinen wie Zauberei vorkam. Die staunende Begeisterung der beiden: eine unerwartete Wertschätzung.

Unlängst ging ich für zwei Stunden lang wortlos neben einem Mann durch den 16. Wiener Gemeindebezirk. Beide blieben wir für uns, in unsere Gedanken versunken. Trotzdem tat sich die Frage auf: Weshalb machen wir das?

Ein Freund ist krank.
Es ist laut im Kaffeehaus. Er ruft mich an. Wir telefonieren, verstehen einander kaum. Hoffentlich sehen wir uns bald.

Für Sie, lieber Linhart diese drei Wahrnehmungen rund um den Jahreswechsel. Die Liebe, ein Ja zur Zugehörigkeit…meine momentane, tiefenentspannende Urlaubssituation lässt keinen anderen Schluss zu. Unter anderem so – und mit Schnapsbrennen verbringe ich die „Schlankeltage“.



Vor Silvester 2018

Liebe Plößnig!

Was machen Sie so an den Schlankerltagen? Vorgestern hatte ich das erste Mal wieder Hunger aufgrund manueller Arbeit und nicht vom ständigen Essen und Trinken. Ist es nicht typisch katholisch, dass man sich die Weihnachtstage schön säuft? Da kann keine andere Weltreligion mithalten.

Komisch, mich interessiert Nüsse, was vergangenes Jahr alles schief lief. Auch nicht die besonders guten Dinge, deren ich mich noch weniger entsinne. Mein Fazit lautet: Es war ziemlich lang ziemlich sehr heiss.

Gestern hörte ich ein sehr spannendes Hörspiel auf Ö1. In „The who and the what“ schreibt eine junge Muslima ein Buch über Mohamed und dessen Mutmaßungen, auch im sexuellen Bereich. Mit ihrer immensen Aufgeklärtheit bringt sie ihren Vater samt muslimischem Umfeld zur Verzweiflung. Wer zweifelt, liebt doppelt, ganz so wie ich es schon in einem früheren Brief an Sie vermutet habe.

30. Dezember 2018

Ist ein See
Sinnbild für
die Seele?

Weihnachten.
Der Ast mit den Fichtenzapfen hängt im Raum und verliert Samen. Waldstimmung in der Küche. Trotzdem kehre ich die ausgefallenen Samen jeden Morgen mit dem Besen weg.

Arnold.
Nach dreimonatiger Konzentrationsschwäche schaffe ich es endlich wieder, einen längeren, zusammenhängenden Text sinnerfassend (hoffentlich!) zu lesen. Schade, dass es der Autor nur bis Seite 56 durchhält, seine Selbstgefälligkeit nicht durch seine Gedanken scheinen zu lassen. Ich lese weiter. Eine Chance bekommt er noch. (Auch ich kann das gut, selbstgefällig sein.)

Weinwurm.
Ich verabrede mich mit einer Freundin zum Abendessen. Das Lokal wählt sie aus und überrascht mich: Ein kleines, altes Milchhaus, umgebaut zu einem gemütlichen Beisl. Ein paar wenige Tische und Stühle, aufgeteilt auf zwei Räume. Liebevoll eingedeckt, ein Teelicht brennt im Fichtenzweig. Das Wirtshaus-Ehepaar – zuständig für alles, der Mann serviert zuvorkommend und unaufgeregt, die Frau kocht österreichisch-griechisch. Die kleine Karte: Ouzo. Griechischer Bergtee. Muskat Otonell. Griechische Vorspeisenplatte. Linsensuppe. Kürbisgulasch. Wir bleiben bis zur Sperrstunde!

Wann suchen Sie mit mir wieder einmal ein unbekanntes Lokal auf, Herr Linhart?

27. Dezember 2018

Lieber Linhart!
Der Sinn von Adventkalendern liegt ausschließlich darin begründet, dass in den dunkelsten Tagen viele Türen aufgehen. Fenster zum Licht.

Ich denke heuer rund um Weihnachten viel nach über den süßen Schmerz. Er sucht mich heim dieser Tage, die reichlich gefüllt sind mit köstlichem Essen, gutem Wein und innigen Umarmungen. Ziemlich sicher haben wir uns schon einmal über dieses berühmte „Jetzt“ ausgetauscht, dessen Lebendigkeit mit der Intensität des Schmerzes zunimmt. Ich verrate Ihnen, viel vom sehr Schönen bereitet mir eine derartige Liegestatt. Hinter der 25. Tür versteckt sie sich, und hinter der 26. uswuswusw., hinter jenen Türen, die bestimmt sind für die besonders sehnsüchtig Wartenden. Für jene, die finden, wonach sie gar nicht suchen.
Der Moment wird zum hellen Ereignis. Sie werden ZeugInnen der Geburt eines Sternes.

3. Dezember 2018

Normaler Weise übe ich für diese Zeilen in einem Word-Dokument, heute schreibe ich ihnen das erst mal direkt ins All.

Ich weiss, was sie wirklich lieben. Adventkalender, stimmt´s ?
Mann und Frau schenken mir schon lange keinen mehr, weil ich  konsequent vergesse, diverse Türchen zu öffnen. Nicht, dass es schöne Adventkalender gäbe, aber hier fehlt mir die morgendliche Verspieltheit. Deswegen frühstücke ich auch kaum. Warum soll ich mir künstlich Hunger einreden zu dieser wertvollen Tageszeit?

Und dann soll ich noch an einem Kabarettprogramm zur Vorweihnachtszeit schreiben. Wie gefällt ihnen der Titel „Punschlos glücklich“?  Was ist das Wesen dieser Nichtfastenzeit, diese Konsum orientierte Hinführung ins Nichts, ins genau Unmenschliche?
Eine Zeit, die nur Kinder verstehen ist nichts für Erwachsene, gleichgültig, ob wir es nun sind oder nicht. Und wozu braucht ein Stern einen Schweif?

Also weil ich ein Adventkalenderverweiger bin und keine Ahnung von Weihnachten habe, deswegen unter-halte ich mich mit ihnen so gern.

Ziemlich sicher hilflos Ihr
Linhart

24. November 2018

Linhart, ich bin erleichtert, dass Sie wieder Fragen haben. Ihr Verstummen hat mich verunsichert…

Spinnen
Louise Bourgeois hat eine riesige Spinnenskulptur geschaffen und sie „Maman“ genannt. Man sagt der Künstlerin nach, dass sie Spinnen liebte.

Im Haus, in dem ich wohne, gehören Spinnen zu den vertrautesten Mitbewohnerinnen. Ich würde keine von ihnen töten. (Bei Ameisen bin ich da leider nicht so zimperlich.)

Es sind keine Papiertaschentücher zu finden. Ich greif auf meinen Stofftaschentuchvorrat zurück. Jenes, das zuoberst liegt, ich entfalte es und sehe ein gestopftes Loch. Netzartig und feinst gewoben mit Zwirn. Ich bin zu Tränen gerührt.

Unabhängig davon, ob Sie glauben zu spinnen oder nicht, meine Liebe ist etwas für Spinner, warum denn nicht?!

Zahnarzt.
Würde es eine vorangehende Gesichtsmassage erleichtern, den Mund ganz entspannt zu öffnen für meinen heiß gehassten Zahnarzt? Dabei macht er seine Sache ausgesprochen professionell und handwerklich perfekt. Ich finde es jedes Mal unverschämt übergriffig, mit welcher Selbstverständlichkeit in einem meiner intimsten Körperinnenräume herumhantiert wird. Da rede ich noch gar nicht vom Schmerz oder von der Angst vor dem Schmerz oder von der Qual, nicht schlucken zu können, nicht spucken zu dürfen, nicht davonlaufen zu können, …
Nach jeder Behandlung ist die Erleichterung darüber, es überstanden zu haben, dermaßen groß, dass ich dem Arzt voller Dankbarkeit einen warmen Händedruck schenke, quasi die Aufforderung für die nächste Begegnung im Behandlungszimmer: „Bitte, quäl mich!“

Tod
Wenigstens einen Menschen wünsche ich Ihnen, dem Sie sich vorbehaltlos anvertrauen. Das Gleiche gilt für mich. Dann ist Vieles gut.

19. November 2018

Liebe Plößnig!

Wie gehen Sie persönlich mit dem Tod um? In Ihrer Arbeit ist er ja Dauergast.

Und dann, was halten Sie vom Beziehungsmuster eines Shakespeare in „Viel Lärm um nichts“?
Das ganze Theater um den/die richtige/n Partner/in. Was ist das Dauerhafte in einer Beziehung: Glück oder Notwendigkeit? Das Wesen der Liebe ist doch deren Unvorhersagbarkeit.
Wenn ich jetzt behaupte, dass ich Sie liebe, geht es da mehr um den Spaß oder den Ernst der Lage?
Die Liebe erspart uns kurzfristig den Gedanken nach Freiheit, aber offene Beziehungen halten auch nicht länger.
Sie werden sich jetzt denken: „Er spinnt.“ Ist ihre Liebe etwas für Spinner?

M.

18. Oktober 2018

Berührung findet nur an der Grenze Statt
foto: T. Kulcsar

Ich: Mein Bruder hat eine neue CD zusammen mit Freundin und Freund herausgebracht. Da wir einen gemeinsamen, schon verstorbenen Vater haben, berührt mich naturgemäß „In Friedl seina“, eine musikalische Widmung an ihn, am meisten. Für 2:39 Minuten lang ist Vaters leichtfüßige Herzlichkeit aus hellen Tagen konzentriert, präsent. Tanzen möchte ich dazu und nicht denken.
Du: Ich komm heim, wenn’s dunkel wird.

Sie: Ich hab mir den Kopf verdrehen lassen, sodass mir schwindlig wird und das ganz ohne Musik. Wie federleicht!
Er: Kommst du erst oder bist du schon da?
Ist das zu vollmundig gesprochen
?

Linhart, verführen Sie mich doch an jenen Ort, an dem sonst nichts mehr von Bedeutung ist, und vergessen Sie nicht, mir ein Glas Wein einzuschenken.

 

 

17. Oktober 2018

Krieau

Mir ist zu Ohren gekommen: Sie verweigern – trotz stetiger Nachfrage– eine psychotherapeutische Begleitung und bevorzugen stattdessen regelmäßige Ausflüge nach Wien, an ungeahnt unbekannte Orte, an Plätze der Unsicherheit oder der Verwirrung. Glauben Sie, sich damit aus den Abgründen der eigenen Liebesgeschichte freizuspielen, freizutanzen, freizuträumen?

Wussten Sie, dass sich Krieau von Kriegsau ableitet – es gab da einen langjährigen Territorialkampf zwischen dem Stift Klosterneuburg und der Stadt Wien, wem wohl dieser Flecken gehört. Sie, also doch mit großen Hintergedanken, die Krieau vorgeschlagen, um Beziehungskämpfe auszutragen?

Und – wie war es?

Was halten Sie in weiterer Folge von einem Ausflug ins Museum der gemeinsamen Irrtümer, elf Sekunden vor jedem Bild verweilend, nicht länger?!