3. Juli 2018

Ich kann es selbst kaum fassen. Ich komme nicht zum Schreiben.
Der Weg zum Computer ist nicht weit, auch meine Gedanken an Sie sind zumindest da.
Es ist traurige Realität: die Muse küsst einen wie mich nicht als Ersten.

Wo soll ich jetzt anfangen?
Ich habe eine Reihe von Verzeiflungen hinter mir und gewiss noch viel mehr vor mir. Nicht nur, dass meine Mutter zum Teilzeitpflegefall mutiert ist und ich meine Aufmerksamkeiten vor allem in Jobs investieren muss, – gelinde gesagt: ich bin einfach schon lange nicht geküsst worden, weder von der Muse noch von Ihnen.
Wer wird beginnen?

Ihr M

24. April 2018

Lieber Linhart!
„Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft!“

Wieder einmal ein Buchtitel, der mich so richtig anhüpft. Wie sagt sich das so leicht? Heraus aus Tagen der Unbeschwertheit? Als Ergebnis einer lebenslangen Freundschaft? Aus einer einmalig intensiven Begegnung? Wählen Sie aus!
Meine momentane Intensität setzt sich zusammen aus Beziehungsunvermögen. Da kann gern ein Kunsthistoriker daher kommen und behaupten, am Rand geschieht das Wunderbare, das Zauberhafte – ich komm daher und behaupte, am Rand steht man knapp vor dem Abgrund.
Ihre Plößnig

 

 

21. März 2018

Lieber Linhart!
Heute gönne ich mir den Luxus, 1 ½ Stunden lang in der Gemäldesammlung des Kunsthistorischen Museums vor ein und demselben Bild zu sitzen und zu schauen. Es sind besonders zwei Hände, die meinen Blick nicht mehr loslassen. Die zärtliche Art und Weise, wie sie einander nicht berühren. Und das Bild spielt mit dem Licht, dass es nur so eine Freude ist. Es entspringt einer Zeit, die noch kein künstliches Licht kannte.

Ist es so, dass man zwar mehr sieht, bei dem vielen künstlichen Licht unserer Tage, aber nichts mehr erfährt?

PS: Schade, dass Sie heute nicht mit dabei waren, beim Schauen…

20. März 2018

Unser Sohn ist zu Besuch. Beim Abendessen sprechen wir darüber, wie schön ich doch das tägliche Zu-Bett-Geh-Ritual empfunden hatte, als unsere Kinder noch sehr jung waren. Ich bade mich in wohliger Erinnerungen ob der unzähligen vorgelesenen Kinderbücher. Mein Sohn schweigt, um dann plötzlich zu erklären, er könne sich daran kaum erinnern. Ich bin fassungslos, gehörten doch diese Vorlese-Kuschel-Stunden zu meinen Lieblingsbeschäftigungen mit den Kindern.
Die ersten Jahre der Kindheit prägen uns, aber die meisten von uns haben fast alles vergessen. Der Sohn ist das beste Beispiel dafür.

Diese kleinen Menschen verschwinden eines Tages, sie verwandeln sich in etwas anderes und wissen nicht mehr, wie sie waren und wie sie gelebt haben. Sie wissen nichts mehr vom ersten Sommer am Kolmitzenbach, nichts mehr von den langen Spaziergängen entlang der verwilderten Bahntrasse, nichts mehr von ihrer Wut, ihrer Freude und Ihrer Zärtlichkeit. Es gibt für sie Wichtigeres.

In den Köpfen der Eltern leben sie weiter. Man vergisst sie nie. Und es bleibt immer ein leiser Schmerz, wenn man an die bedingungslose Liebe denkt, die sie damals empfunden haben und die man ebenso bedingungslos zurückzugeben versucht hat. Niemals in unserem Leben waren wir so wichtig, für niemanden.

Und jetzt sitzen wir beim Abendessen und nur Eine erinnert sich.

3. März 2018

Das hätte ich mir nicht gedacht, dass Sie mit mir spontan auf´s Eis gehen.

Der Tipp ihres tschechischen Arztmitarbeiters, eine gänzlich neue Wasserperspektive von Schloss Lednice und dem gegenüberliegenden Minarett zu bekommen, ging aber so was von auf.

Der Mensch ist zum Gehen geboren, am Eis laufen wir nur. Die Kufen unserer Schuhe zeichnen langgezogene Muster in den Flugschnee. Hin und wieder knackst es gehörig. Mann spielt Eishockey, junge Paare schieben Kinderwägen auf der gefrorenen Wassergalaxis vor sich her. Sie meinen, hier könne man sehr leicht Baybies stehlen. Aber wozu, frage ich Sie?

Das Zweitschönste nebst der ungewöhnlichen Naturimpression, ist für mich das Eisschuhe ausziehen. Wie leicht der Gang doch wieder wird ….

Das Palmenhaus schien Sie ja besonders zu beindrucken. Die Perfektion von bewusst Sinnlosem. Der Kaffee an der fast schon frühlinghaft erwärmten Außenmauer des Cafe´s macht Sie glücklich. Ich beobachte das inspiriert.

M.

26. Feber 2018

Liebe Plößnig!

In der scheinbar kältesten Woche des Jahres klebt mein Verstand am Kachelofen. Wenn ich ihnen nicht schreibe, sind sie sehr kühl zu mir. Was aber ist Wärme langfristig wirklich?

Das jüngste Gericht war in der Kunst als Thema sehr beliebt. Ich halte es heute für ein unzureichendes Motiv an der Kante der Unvergänglichkeit. Bestrafung setzt Eifersucht voraus. Dem kann ich nicht folgen.

Sie beobachten viel. Ungefähr so viel, wie ich (Ihnen) nicht schreibe. Ich habe kein literarisches Gewissen. Nicht einmal ein schlechtes. Ich bin ein gutmütiges Scheusal.

P., wir müssen wieder fort. Wie wär´s mit Italien?

Leben sie ruhig!

Ihr Hr. von Linhart

3. Februar 2018

Lieber Linhart! Können Sie mit dem Jüngstes Gericht etwas anfangen?

Wieder ein Jahrhunderte altes Bildnis, das mich staunen macht. Auf einem Flügelaltar sind für den Himmel ca. 5% der gesamten Fläche verwendet. Die restlichen 95% sehe ich dicht besiedelt mit Teufel, Tod, Feuersbrunst und unzähligen Darstellung detailverliebter Gewalttaten, zu denen der Mensch fähig ist.
Die Betrachterin ist in der Gegenwart angekommen. Kein Kunstvermittler ist notwendig, um zu verstehen, dass sich grundsätzlich auf dieser Erde nicht viel geändert hat.

Die Tür zu und dann Himmel! Geht’s so, Linhart?

21. Jänner 2018

Wer dem lieben Gott ins Fenster schaut, langweilt sich nicht; er ist glücklich. (Milan Kundera)

Ich steh dem Verduner Altar unmittelbar gegenüber. Es ist wie ein unerwartetes Wiedersehen mit einem verschollen geglaubten Geliebten aus frühen Jugendtagen. Mehr als staunendes Schweigen kommt nicht über meine Lippen. Die körperliche Anziehungskraft hat sich über die Jahrhunderte hinweg nicht abgenützt.

20. Jänner 2018

Na endlich, lieber Linhart!
Sie sind noch da. Irgendwo.

Ist für Sie Schreiben eine Therapie?
Hoffentlich nicht! Denn, hätten Sie keine Probleme, gäbe es keine Notwendigkeit zum Weiterschreiben …das wäre schade!
ABER:
Solange Sie regelmäßig Zeit in einschlägigen Kneipen verbringen, mache ich mir keine ernsthaften Gedanken um Ihr Wohlbefinden – höchstens, dass auch Sie zum Alkoholiker werden. Wie der Roth.

(Früher hatte ich meine Mutter immer belächelt, dass sie so viel arbeitet. Aber das musste sie, um sich vom Leben abzulenken!)

Vielen Menschen stellt es die Haare auf, wenn ich mich als Seelsorgerin vorstelle. Das kann ich gut sehen. Im besten Fall denken sie dann an den Tod. An die Endlichkeit des eigenen Lebens. Die schlechteren Fälle aufzuzählen, erspare ich mir und Ihnen.
Auch ich trag mindestens ein solches Vorurteil mit mir herum: Erkenne ich in meinem Gegenüber einen FPÖ Wähler, denke ich im besten Fall, da fehlen in erheblichem Maße Vitamine, die die Gehirnfunktion aufrecht erhalten.
Man sieht nur das, was man weiß. Stimmt’s?

17. Jänner 2018

Liebe Plößnig!

Einmal soll ich gesagt haben, wer eine Bühne betritt, sollte die Absicht des Sterbens (wenn geht: humorvoll) an sich tragen. So bin ich tot und lebe wieder. Ich spiele. Ich unterrichte. Ich wollte Ihnen dazwischen schreiben. Aber dazwischen ist kein Platz. Ich muss mir mehr Zeit nehmen. Zeit ist zur Zeit der einzige Luxus.

Sie bereisten Deutschland. Ich habe davon gehört. Ihre Tochter studiert am Rhein. Ich finde, nur ein trockener Riesling öffnet das Tor zur Natur.
Das, was sie über Regensburg schreiben, klingt inspirativ. Das Große passiert ausschließlich nebenbei. Wie oft sie recht haben. Recht haben ist der Anfang vom vernünftigen Scheitern.

Der jüdische Schriftsteller und Alkoholiker Joseph Roth sagte: „Der Wille ist mein Gott.“