26. Mai 2019

Mich in Ihren Briefen suchen.

Lieber Linhart!

Es geht mir gut.
Ich scheitere nicht an der Langeweile des Erwachsenenlebens. Im Gegenteil! Ich gehöre zu jenen Menschen, die in der Langeweile nicht den Vorhof frisch aufkeimender Kreativität sehen, ich geh ihr konsequent und erfolgreich aus dem Weg.

Was ich jedoch liebe ist, wenn die Zeit anhält, es Sommer wird und es nichts gibt, das mich durch den Tag schubst. Unerklärlich bleibt allerdings, weshalb ich nicht öfter in diesen fruchtbaren Zustand gerate! Jedenfalls war heute so ein seltener Tag.

Sie schreiben in Ihrem Brief ähnlich wie Joseph Roth, der einst feststellte: „Drinnen bei mir bin ich sehr traurig“. Ich hoffe, dass Sie ob Ihrer Grundgestimmtheit Ihren Humor nicht verlieren! Kann ich nachhelfen? Eine Arbeitskollegin wollte mir ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kommst du mit mir ins Beet?“ schenken……Mir fällt bis heute kein passender Anlass ein, an dem ich das tragen könnte! Bin leider kein Mitglied beim Weinbauverein, bei diesen Naturverbundenen gäbe es nämlich keine Missdeutungen, würde ich mit solchen Ansagen aufkreuzen…

17. Mai 2019

Liebe Plößnig!

Auch in mir wohnt eine, in meinem Empfinden zu tiefst unbegründete Traurigkeit. Es hat im vergangenen Monat 100l geregnet, die Natur kehrt trunken zum Alltag des Frühlingserwachens zurück und die Vögel singen ihr kosmisches Lob.

Vorhin las ich einen Artikel im Zeitmagazin, in dem sich eine Polizistin als Grüne outet. Auch von den „anständigen“ Kollegen wurde sie als Nestbeschmutzerin getadelt. In der ehemaligen DDR sei das noch schlimmer als im Westen, wo die Grünen ja schon ein bisschen etablierter sind.
Partei für die Natur zu ergreifen, dem ( vom Menschen)  selbst verschuldeten Klimaveränderungen in die Augen zu sehen und nicht nur in die Poritze und sich schließlich mit Flüchtlingen in ein Boot zu setzen, schafft eben Feinde. 
Ich frage mich: was steht drüber? 
Was steht über  dieser tadellosen Angst, – letztlich vor sich selbst?

Literatur, oder wenigstens der Versuch zu schreiben, was unsagbar scheint, ist die Flucht in den Augenblick des Trostes, der nicht länger anhält als eine kurze Schnabelbewegung des Singvogels.

Die Natur zieht uns in ihr Sterben um zu leben. Was anders kann Sex schon sein?

29. April 2019

Viermal April.

Zirknitzersee/Cerknisko jezero 

Die Frühlingsmorgen sind gekennzeichnet durch frühzeitiges Erwachen meinerseits. Wie gern ich das mag! – Noch in die Dunkelheit des Zimmers dringt durch das halb geöffnete Fenster der erste lautstarke Morgengruß der Amseln. Dann machen sie eine Pause, bevor der Tag vollends anbricht und wieder die Uhr die Zeiteinteilung übernimmt. Für Jonathan Franzen sind Sex, Literatur und die Entdeckung der Vögel die größten Offenbarungen seines Lebens. Dem kann ich etwas abgewinnen: „Vögel zu beobachten schenkt mir den Glauben, dass die Welt voller Möglichkeiten ist.“

Vögel haben etwas Tröstliches. Sie sind im Normalfall einfach da. Sie lieben einen nie und manchmal lassen sie auf sich warten. Und im Normalfall kann man nicht über sie verfügen. 
So erlebt auch in Slowenien (Sie haben recht damit, ich verschwinde gerne Richtung Triest!): Am Cerknisko jezero  sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schafstelze. Sie setzt sich ohne Scheu in ihrem goldgelben Prachtkleid in meiner unmittelbaren Nähe auf eine Weide. Da ist sie nun!

Pflanzen können fast alles, was man sich nur vorstellen kann. Aber nur, weil sie festsitzen, denkt jeder, dass sie nicht besser als Plastik sind, als wären sie nicht richtig lebendig.
Pflanzen leben im Moment. Wenn man ganz traurig ist, weil man selbst oder jemand anderes  oder etwas sterben muss, Pflanzen anschauen hilft!

Die Sauna ist meine Schneehöhle.
Auch im Frühling noch, wenn es so kalt ist wie heute!

18. April 2019

Liebe Plößnig!

Sie sind zum wiederholten Mal in Triest. Ich sah Sie gestern mit ihrer Familie. Fragen Sie nicht, woher ich das weiss. Ich bin sozusagen inkognito auch in der Stadt.

Ich habe noch nie einen so schönen Parkplatz gehabt. Und das, obwohl mich der Autoverkehr in Triest sehr stört, aber die Parkplätze direkt am Meer in den aufgelassenen Hafenindustriezonen haben etwas Lyrisch-Praktisches: sie werden nicht verbaut. Ich bin meinem Auto fast neidisch, dass es dort die Nacht und den Tag verbringen kann.

Was ist Triest für sie? Literatur Café, Wanderstadt oder Kleineuropa am Meer?

Ich muss zuerst immer weinen. Zu Kaisers Zeiten war Triest ca. 500 Jahre unser Hafen. Lachen Sie nicht, aber mir geht der geraubte Meerzugang furchtbar ab. Nicht nur rein philosophisch, sondern realphysisch.
Das Meer öffnet den Freiheitssinn. 
Natürlich steht Italien politisch nicht besser da, aber umspülter.

Wir stehen mitten in den drei hohen Kartagen. Die Tragik des Karfreitags, die absolute Stille des Samstages und der ewige Frühling des Ostersonntages empfinde ich als große Herausforderung für unsere flache, wirtschaftsbezogene Welt.

Der Karst plus angrenzende Weinregionen rund um Triest bietet das versteinerte Meer als Terroir an. Faszinierend. Sie waren zweimal im Süden Sloweniens in der Naturweinszene. Ist Ihnen der Malvasier als mediterraner Botschafter aufgefallen? Im Weinviertel versteckt er sich als Frühroter Veltliner. Eine frühe, zarte und scheinbar einfach gestrickte Sorte, die für mich die beste Speisetraube der Welt zum Schmalzbrot ist.

Mir fällt auf, dass ich, wenn ich reise, die Lust am Trinken der nüchternen Beobachtung neuer Welten opfere. Ein Glas mehr am Abend kommt quasi nicht in Frage, weil ich morgens fast schon unerträglich ausgeschlafen neben meinem abgestellten Auto stehe und -aufnahmebereit bis zum Anschlag – ins Meer schaue.
Inmitten edel vergammelter Industrieruinen und einem alten, verrosteten, einst mächtigen Schiffskran.
Triest, ich muss dich leider wieder lassen.

29. März 2019

Vor dem Rausch:
An wen schreibe ich da nun schon seit einigen Jahren?

Nach dem Rausch:
Wer schenkt mir das Glück der Nähe?

Mein lieber Linhart.
Sie haben recht, 
ich weiß im Grunde nicht, wer Sie sind. Trotzdem möchte ich mich ab heute gerne
und genau mit Ihnen darüber unterhalten, was Wirklichkeit ist! Nur so im Vorbeigehen, flüchtig und leicht. 

Ich stell mir vor, das geht am Besten mit jemandem, der gar nicht da ist, der nicht Tisch und Bett mit mir teilt und nicht Tag und Nacht und Feier und Alltag und Sorge und Freude und…
Das alles wäre zu viel, wäre nicht zu ertragen.

Ich werfe Ihnen jetzt einen Satz zu, 
der mir in den vergangenen Tagen wirkmächtig um die Ohren schwirrte:

„Jetzt, wo ich verlassen worden bin, kann ich ja sowieso nicht umfallen!“

So etwas will ich nicht hören, ich dreh mich um, dreh mich weg, beweg mich weg, halbherzig und lenk mich ab, ich erschaudere und bin zufrieden, wenn die Wahrnehmung eines Kunstwerkes zu einer tiefen Erfahrung wird. Heute war es der Morgentau in einem Spinnennetz. Ich leg mich ins feuchte Gras und bleib liegen.

11. Februar 2019


Zuviel der Ehre, liebe Plößnig!

Durchaus schön, was Sie mir so zutrauen. Aber: Nein, ich bin nicht der Vater Ihrer Tochter, das ist ihr Winzergatte, von dem die frisch gebackene masterin of wine Gene-Berauschendes umsetzt. Ich sehe Wein als Götter- UND Menschenspeise, als süffisantes Ergebnis des Zusammenspiels von Himmel und Boden. 

Ich bin aber nicht sehr religiös bezüglich Weinbau, ich glaube nicht an die Regeln des Rudolf Steiner, obwohl ich sie respektiere. Dogmatischen Wein(über)bau halte ich schlicht für über-flüssig. Am Boden bleiben und in den Himmel sehen hat Poesie genug, dazwischen die Jahrgänge keltern. Einfach dabei sein. Das ist alles.

3. Februar 2019

Kommt her, ich hole Wein
Jes 56,12

Lieber Winzer Linhart!

Sie erzählten mir unlängst aus Ihrer Kindheit und ich möchte mit Ihnen jetzt über Ihre Tochter sprechen. Lange ist es bereits her, dass sie flügge geworden, das Haus spürbar verlassen hat. Heute beglückwünsche ich Sie, den Vater dieses Kindes zu dieser Beziehung! Morgen soll sie in ihrer Defensio unter anderem das verteidigen, was ihr am Wein liegt.

Was ihr am Wein liegt, hat sie zuallererst bei Ihnen lernen dürfen. Die Leidenschaft an diesem Kulturgut, an diesem widersprüchlichen Lebens- und Leidensmittel, an dieser starken Pflanze, dieser Luxusflüssigikeit. Der Wein in all seinen Entwicklungsphasen trägt gleichzeitig immer Spuren höchster Sinngebung und des Todes an sich. Grund genug, einen Teil des eigenen Herzblutes ihm zu verschreiben und wertvolle Lebenszeit mit ihm und seinen Spielarten zu verbringen.

Ich nehme an, Sie sind stolz und dankbar über dieses ungeplante Geschenk der Übereinstimmung und des unausgesprochenen Verstehens. Ich nehme an, Sie freuen sich darüber, dass Fruchtbarkeit so unfassbare Wege nimmt und zu einem sinnlichen Glück verhilft.

PS: Zu guter Letzt bin ich ein bissl schelmisch: Können Sie sich Tochters Master-These jemals merken?!: The source-sink balance effect on cluster development investigated on potted Vitis vinifera cv. Zweigelt plants

28. Jänner 2019

Heute feierte ich meinen Namen.
Der selige Manfredo soll als Einsiedler am Comosee gefastet haben. Ich bin nur fast so weit  gekommen. Nach  Bischofshofen nämlich.
Als Kind verbrachten wir öfter den Sommerurlaub im Hochköniggebiet. Ich erinnere mich noch stark an die Orangenlimonade „Bluna“, die Styler Mission St. Rupert und vor allem an den Bahnhof, der damals einer der größeren war. Stundenlang verbrachten wir mit Züge beobachten und Durchsagen hören. Am Schluss wurden mein Bruder und ich mit einem Matchbox Auto belohnt. Hier waren wir im Himmel, was sie als Bergmensch wahrscheinlich nicht verstehen werden. Es gab da einen Steig von unserem Quartier zum Bahnhof, an dem ich mir jedes Jahr exakt am dritten Urlaubstag den Knöchel verstauchte. Beim Züge beobachten störte das kaum. Vierzig Jahre später habe ich mir  nach meiner Glockner Erstbesteigung beim Auslauf das linke Sprunggelenk gebrochen. In Bischofshofen war stets nur das rechte bedient.

Ihr Linhart

27. Jänner 2019

Lieber Linhart! Ich bin erstaunt! Politische Ansagen schriftlicher Natur bin ich von Ihnen nicht gewohnt. Ihre Hilflosigkeit gegenüber der tolldreisten Unverfrorenheit und Gefährlichkeit unserer momentanen Regierung lässt Sie nicht sprachlos zurück. Das gefällt mir. Ich selber bin ein demonstrierendes Fragezeichen: Wie kann ein Gutteil jener Menschen, denen ich täglich (mehr oder weniger) begegne, es für gut heißen, dass sie nicht mehr selber denken dürfen?

Im Kaffeehaus meiner Lieblingstankstelle bedienen mich schon seit einigen Jahren die gleichen Kellnerinnen. Vielleicht passen die Arbeitsbedingungen. Die Atmosphäre und der Kaffee passen jedenfalls. Manche der Gäste grüßen einander mit Handschlag. Andere sind auf Durchreise und kennen kaum jemanden. Man kommt sich nicht gestrandet vor, sondern willkommen.

Früh um sieben Uhr sitzt mir in der S-Bahn eine junge Frau gegenüber, ganz ungeniert packt sie eine Toiletteutensilie nach der anderen aus, um ihre morgendliche Körperpflege durchzuführen.
Gesichtscreme, Haarbürste, Wimperndusche, Lippenstift, Lidschatten, Ohrringe…In aller Ruhe vollendet sie hier, wozu die Zeit daheim nicht mehr gereicht hat. Ein sehr intimes Schauspiel, finde ich.

Die drei Jugendlichen am Nebentisch in einem Kaffeehaus in Z. rauchen zwischen dem Burger und dem Moor im Hemd jeweils zwei Zigaretten. Ich sitz so nah, dass ich bei ihren Gesprächen mithören kann. Nachdem einmal geklärt ist, wie viel das Wichsergebnis im Vergleich zwischen morgens und abends wiegt, erzählen sie einander die Kennenlerngeschichten ihrer Eltern.

Die Schwiegermutter von A. ist 90 Jahre alt, fährt mit dem Rad durch die Stadt, hüpft über ihren Gartenzaun, anstatt das Gatter zu öffnen um durchzugehen und ist beim Seniorenturnen die Vorturnerin. Ihr Mann – bereits seit Jahrzehnten verstorben, hat sie damals geheiratet, weil sie in einem Theaterstück sehr eindrucksvoll die Rolle der Wildkatze spielte. Das hat für seinen Heiratsantrag und ein gemeinsames Leben gereicht.

Wer von all diesen Menschen hat ein Interesse daran, dass es uns schlechter gehen soll?
Bleiben Sie wach! Mit mir…
Stets die Ihre.

Wenn ich genug vom Atmen habe, öffne ich die Augen…

26. Jänner 2019

In Dresden läuft heute Abend das als extrem anti-AFD eingestufte Theaterstück “ Das blaue Wunder“ an. In einem „Die Zeit“ -Artikel sah man den Skandal vorprogrammiert. Das hatten wir doch schon bei der Peymann Regierung im Burgtheater. Jelinek und  Bernhard gegen den Rest der rechten Welt. Ich halte beide eigentlich nur für gute Literaten. Wie gehen sie mit Radikalismen künstlerisch um?

Ich diskutiere lieber von der Mitte aus, aber unser Innenminister, der die (seine) Politik über das (Verfassungs-) Recht stellt, gehört anständig abmontiert, auch wenn er sonst so ein guter Zuhörer und Reflektierter ist, wie heute die ÖVP Staatssekretärin des Innenministeriums verlauten ließ. Ich vermute da ein eigenartiges Gspusi, das sich natürlich rechtlich nicht halten lässt.  Im übrigen bräuchte es meiner Ansicht nach gar nicht so sehr immer um die straffällig gewordenen Flüchtlinge gehen, weil da regt sich eh niemand abschubsmäßig auf, sondern eher um die nichtstraffälligen. Die sind ja mehr auch wenn sie weniger werden.

Mein Schlusssatz soll aber ein unpolitischer sein. Morgen hat Mozart Geburtstag. Einfach so.

Ihnen zu Ehren: Linhart