5. August 2018

Lieber Linhart! Ich bin in Urlaub! Das sollten Sie wissen:

Bassano del Grappa
1 Der Mann am Nebentisch hat keine Hemmungen, schon vor 12 und in der erneut erstehenden, sengenden Mittagshitze ein Glas Prosecco zu bestellen. Er sitzt mit Blick auf das Franziskanerkloster. Seinen Prosecco bekommt er serviert mit einer Erdbeere und einem Schüsserl Chips. Sein Hund hat seine Schale mit Wasser schon ausgetrunken, bevor das Herrl den ersten Schluck macht.

2 Im Museo Comunale werde ich gleich zweimal überrascht. Das kommt nicht häufig vor. Das erste Mal, als ich sehe, dass in diesem Museum die Bilder mit der Rückseite nach vorne aufgehängt wurden und sich ein neuer Blick auf die Werke und eine ungekannte Neugierde auf das Dahinter, das ja im Normalfall das Davor wäre, einstellen. Das zweite Mal überrascht mich der Film über einen Künstler, der die Rückseite von Werken Alter Meister akribisch detailiert und täuschend echt nachkonstruiert. Nach dem Betrachten dieses Filmes möchte ich noch einmal mehr wissen, was hinter dem Dahinter zu sehen ist. Ist es echt, ist es eine Täuschung? Ich bin richtig beglückt darüber, keine Antwort darauf zu bekommen.

3 Ein Teil der Seele hat sich die Wirklichkeit gewählt, ein anderer den Traum . Beide haben sich ineinander vermischt, um meinen Tag zu bilden.

4 Vor nicht allzu langer Zeit trugen Menschen Babies auf dem Arm. Jetzt tragen sie Hunde. Das geht genauso gut.

5 Auf jedem Baum hing ein Partisane. Allzu dick sind die Stämme heute noch nicht, so jung wie die Burschen damals.

6 Im Keramikmuseum ist es kühl während man draußen auf der Straße um die 35 Grad misst. Trotzdem verirrt sich kaum jemand herein in die kühlen Räume und so steht es 2 zu 2: Mein Mann und ich und der Mann an der Kassa mit der Frau, die die Aufsicht innehat. Wir bevölkern also diese durchkomponierten Räume für eineinhalb Stunden zu Viert. Zum Ende hin sind wir uns richtig vertraut und ich schreibe einen freundlichen Satz, den ich ehrlich meine, ins Gästebuch. Wohl als Gegenleistung bekomme ich einen kleinen Katalog geschenkt.

7 Unsere Herberge betreiben drei Geschwister. Sie kommen mir vor wie drei Figuren aus der Commedia de L’Arte. Ein Weißclown. Ein Mönch. Eine Nonne. Sie üben sich in unaufdringlicher Höflichkeit – eine wohltuende Freundlichkeit. Das Frühstück ist wunderbar. Frisch. Vor allem die Kuchen lassen nichts zu wünschen übrig. Ich fühle mich rundum sehr gut aufgehoben.

 

Juli 2018

Litschau

1 Ich habe bei dieser Kurzreise zum ersten Mal den Eindruck, dass es manchmal besser ist, weit weg zu fahren um schnell auf andere Gedanken zu kommen. Die vertrauten Plakate, die zum Feuerfest einladen, die Kirchen mit den altbekannten Heiligen in der Apsis und die Sprache halten mich fest im Alltag.

2 Die zweite Möglichkeit: in der Nähe in die Tiefe sehen. Da erlebt man noch nie gesehene Wunder.

3 Der Wetterexperte aus Litschau erklärt uns den Weg zum Gasthaus (Pertzy) am nördlichsten Punkt in Österrreich. „Mindestens zweimal denkt man sich, es geht jetzt nicht mehr weiter, da muss man durch und plötzlich, im Rottal, dem Tal der Liebe, erscheint linker Hand das versteckte gastronomische Kleinod.“ Wir folgen seinen Anweisungen und finden alles so vor, wie versprochen. Unsere Enttäuschung ist aber sehr groß. Heute Ruhetag.

4 Das Schaufenster der Greißlerei ist vollgehängt mit Kleidern, wie sie meine Großeltern noch getragen haben. Die Preise, die auf den Preisschildern ausgeschrieben stehen, scheinen willkürlich gewählt . Im Laden drinnen erschlägt dich die Patina, die über allem liegt. Es gibt schon frisches Obst und auch frisches Gebäck, Milch, Wurst. Und es gibt jahrealten Staub, der sich auf Längerfristigem versammelt hat. Nähseide, Geschenksverpackung, Waschpulver, Nylonstrümpfe. Wir kaufen eine Teigspachtel und zwei Seidenblumen. Das Erlebnis ist groß.

5 Ein ausgedehnter Golfplatz in Haugschlag. Am Abend werden mindestens 15 große Beregner eingeschaltet. In großen, weißen Fontänen wird die Fadesse der Golfspieler begossen. Wie traurig.

Nachtrag, Juni 2018

Hardegg

Er: Wie gut es tut, wenn jemand nur zuhört, ohne Kommentare auf das Gesagte abzugeben.
Ich spreche zwar gerne über das Altsein, ich fühle mich aber sehr jung, jünger vielleicht sogar, als meinem Alter entsprechend.
Eingetaucht sein in einen Bottich aus Liebe.
Ist das romantisch.
Eingebettet sein in einen Wald voller Grün.
Ich bin Dir nahe.
Einen eigenen Weingarten haben. Welch ein Luxus.
Welch ein Glück, in manchen Dingen seelenverwandt zu sein.
Etwas Nachhaltiges zu sagen, heißt auch, dem anstrengenden Zeitgeist etwas gegenüber zu stellen.
Das tu ich doch.
Ich bin langsam.
Das ist ein Gegenüber, das herausfordert!
Sie: Oh!

3. Juli 2018

Ich kann es selbst kaum fassen. Ich komme nicht zum Schreiben.
Der Weg zum Computer ist nicht weit, auch meine Gedanken an Sie sind zumindest da.
Es ist traurige Realität: die Muse küsst einen wie mich nicht als Ersten.

Wo soll ich jetzt anfangen?
Ich habe eine Reihe von Verzeiflungen hinter mir und gewiss noch viel mehr vor mir. Nicht nur, dass meine Mutter zum Teilzeitpflegefall mutiert ist und ich meine Aufmerksamkeiten vor allem in Jobs investieren muss, – gelinde gesagt: ich bin einfach schon lange nicht geküsst worden, weder von der Muse noch von Ihnen.
Wer wird beginnen?

Ihr M

24. April 2018

Lieber Linhart!
„Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft!“

Wieder einmal ein Buchtitel, der mich so richtig anhüpft. Wie sagt sich das so leicht? Heraus aus Tagen der Unbeschwertheit? Als Ergebnis einer lebenslangen Freundschaft? Aus einer einmalig intensiven Begegnung? Wählen Sie aus!
Meine momentane Intensität setzt sich zusammen aus Beziehungsunvermögen. Da kann gern ein Kunsthistoriker daher kommen und behaupten, am Rand geschieht das Wunderbare, das Zauberhafte – ich komm daher und behaupte, am Rand steht man knapp vor dem Abgrund.
Ihre Plößnig

 

 

21. März 2018

Lieber Linhart!
Heute gönne ich mir den Luxus, 1 ½ Stunden lang in der Gemäldesammlung des Kunsthistorischen Museums vor ein und demselben Bild zu sitzen und zu schauen. Es sind besonders zwei Hände, die meinen Blick nicht mehr loslassen. Die zärtliche Art und Weise, wie sie einander nicht berühren. Und das Bild spielt mit dem Licht, dass es nur so eine Freude ist. Es entspringt einer Zeit, die noch kein künstliches Licht kannte.

Ist es so, dass man zwar mehr sieht, bei dem vielen künstlichen Licht unserer Tage, aber nichts mehr erfährt?

PS: Schade, dass Sie heute nicht mit dabei waren, beim Schauen…

20. März 2018

Unser Sohn ist zu Besuch. Beim Abendessen sprechen wir darüber, wie schön ich doch das tägliche Zu-Bett-Geh-Ritual empfunden hatte, als unsere Kinder noch sehr jung waren. Ich bade mich in wohliger Erinnerungen ob der unzähligen vorgelesenen Kinderbücher. Mein Sohn schweigt, um dann plötzlich zu erklären, er könne sich daran kaum erinnern. Ich bin fassungslos, gehörten doch diese Vorlese-Kuschel-Stunden zu meinen Lieblingsbeschäftigungen mit den Kindern.
Die ersten Jahre der Kindheit prägen uns, aber die meisten von uns haben fast alles vergessen. Der Sohn ist das beste Beispiel dafür.

Diese kleinen Menschen verschwinden eines Tages, sie verwandeln sich in etwas anderes und wissen nicht mehr, wie sie waren und wie sie gelebt haben. Sie wissen nichts mehr vom ersten Sommer am Kolmitzenbach, nichts mehr von den langen Spaziergängen entlang der verwilderten Bahntrasse, nichts mehr von ihrer Wut, ihrer Freude und Ihrer Zärtlichkeit. Es gibt für sie Wichtigeres.

In den Köpfen der Eltern leben sie weiter. Man vergisst sie nie. Und es bleibt immer ein leiser Schmerz, wenn man an die bedingungslose Liebe denkt, die sie damals empfunden haben und die man ebenso bedingungslos zurückzugeben versucht hat. Niemals in unserem Leben waren wir so wichtig, für niemanden.

Und jetzt sitzen wir beim Abendessen und nur Eine erinnert sich.

3. März 2018

Das hätte ich mir nicht gedacht, dass Sie mit mir spontan auf´s Eis gehen.

Der Tipp ihres tschechischen Arztmitarbeiters, eine gänzlich neue Wasserperspektive von Schloss Lednice und dem gegenüberliegenden Minarett zu bekommen, ging aber so was von auf.

Der Mensch ist zum Gehen geboren, am Eis laufen wir nur. Die Kufen unserer Schuhe zeichnen langgezogene Muster in den Flugschnee. Hin und wieder knackst es gehörig. Mann spielt Eishockey, junge Paare schieben Kinderwägen auf der gefrorenen Wassergalaxis vor sich her. Sie meinen, hier könne man sehr leicht Baybies stehlen. Aber wozu, frage ich Sie?

Das Zweitschönste nebst der ungewöhnlichen Naturimpression, ist für mich das Eisschuhe ausziehen. Wie leicht der Gang doch wieder wird ….

Das Palmenhaus schien Sie ja besonders zu beindrucken. Die Perfektion von bewusst Sinnlosem. Der Kaffee an der fast schon frühlinghaft erwärmten Außenmauer des Cafe´s macht Sie glücklich. Ich beobachte das inspiriert.

M.

26. Feber 2018

Liebe Plößnig!

In der scheinbar kältesten Woche des Jahres klebt mein Verstand am Kachelofen. Wenn ich ihnen nicht schreibe, sind sie sehr kühl zu mir. Was aber ist Wärme langfristig wirklich?

Das jüngste Gericht war in der Kunst als Thema sehr beliebt. Ich halte es heute für ein unzureichendes Motiv an der Kante der Unvergänglichkeit. Bestrafung setzt Eifersucht voraus. Dem kann ich nicht folgen.

Sie beobachten viel. Ungefähr so viel, wie ich (Ihnen) nicht schreibe. Ich habe kein literarisches Gewissen. Nicht einmal ein schlechtes. Ich bin ein gutmütiges Scheusal.

P., wir müssen wieder fort. Wie wär´s mit Italien?

Leben sie ruhig!

Ihr Hr. von Linhart

3. Februar 2018

Lieber Linhart! Können Sie mit dem Jüngstes Gericht etwas anfangen?

Wieder ein Jahrhunderte altes Bildnis, das mich staunen macht. Auf einem Flügelaltar sind für den Himmel ca. 5% der gesamten Fläche verwendet. Die restlichen 95% sehe ich dicht besiedelt mit Teufel, Tod, Feuersbrunst und unzähligen Darstellung detailverliebter Gewalttaten, zu denen der Mensch fähig ist.
Die Betrachterin ist in der Gegenwart angekommen. Kein Kunstvermittler ist notwendig, um zu verstehen, dass sich grundsätzlich auf dieser Erde nicht viel geändert hat.

Die Tür zu und dann Himmel! Geht’s so, Linhart?