Garten in Wien

Ich verbringe ein paar Mußestunden in Wien. Und suche den Lieblingsgarten eines Freundes auf. Es ist Sommer wie Winter eine betonierte Grünbrache. Eine große versiegelte Fläche, unentschieden, was daraus werden solle, rückerobert die Natur sich hier Raum. Ein paar Menschen spielen eine oder zwei Saisonen lang mit dieser freien Fläche, machen provisorische Beete , bringen Gießkannen und Holzkisten und bepflanzen sie, ernten wahrscheinlich. Andere rollen Bälle drüber oder lassen die Seele baumeln. In unmittelbarer Nähe führen Straßen und Brücken den Verkehrsstrom vorbei. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die mich fasziniert.

In meiner Werkstatt entsteht jetzt immer wieder Geschirr, flache und tiefe kleine und große Teller, Schalen, Platten. 

Ein Garten meiner kindheit

Anger unter Schnee

Lassach 8
Heuer im Winter liegt eine zwei Meter dicke Schneedecke über dem ehemaligen Blumengarten meiner Großmutter. Ich bin mit den Schneeschuhen unterwegs. Unter mir liegen Erinnerungen, Vermutungen: In der Mitte des Gartens versteckte sich der Brunnen, gesäumt von moosigen Steinen. Ein Frosch lebte drinnen. Der verwunschene Prinz. Phlox, Schleierkraut und Astern; Geranienstöcke und Duftgeranien, Herzl-Staude,  Schwertlilien.

An den Rändern franste er aus. Hinein in den dahinter aufragenden Wald (spendete der nicht zu viel Schatten, frag ich mich heute?), davor lag der Anger, in dem sich große Steinblöcke befanden. Die liegen heute noch da.
Vom Blumengarten allerdings ist heute so gut wie nichts mehr zu sehen. Auch im Sommer nicht. Irgendjemand wurde dem Drama der Natur nicht mehr gerecht, weil es sich über so viele Jahrzehnte hinweg zieht und nur über lange Sicht richtig einzuschätzen ist. 
Meine Erinnerungsfalle beim Reüssieren besteht darin, diesen Ort zu verklären, ihm eine romantisch-symbolische Bedeutung einzupflanzen. Ich muss an meine angelegten Eizellen im Bauch meiner Großmutter denken.

weißer Ton, Schrühbrand

In meiner Werkstatt entstehen zurzeit Objekte, die an Embryos erinnern. Sie sind erst einmal gebrannt. In Folge werde ich sie dem Rauch aussetzten und anschließend mit Bienenwachs einbalsamieren.

Ein garten meiner kindheit

Ribisel

Lienz
Lienz war damals noch sehr beschaulich und einen Garten rund um das Stadt-Haus zu besitzen, der Normalfall. Meine Großtante lebte in solch einem Haus mit großem Garten. Er unterschied sich in Vielem von den Gärten, die ich vom Mölltal kannte. Unter anderem dadurch, dass das Klima des Lienzer Talbodens deutlich wärmer war als jenes des Tales zwischen Heiligenblut und Winklern. Auf jeden Fall gab es im Garten meiner Großtante ein früheres Frühjahr, längere Sommer und einen ausgedehnteren Herbst. Das schlug sich zum Einen in den dort vorherrschenden Gerüchen nieder
(…die hochsommerliche Feuchtigkeit des Morgentaus zwischen den Apfel und Birnbäumen, die brütend heiße Sonne gelehnt in die hölzerne Gartenlaube, die ausladenden Komposthaufen in der hintersten Ecke des Grundstückes,…), zum Anderen in der Auswahl der angebauten Pflanzen und Früchte:
Sehr frühe Erdäpfel, Kopfsalat, Zuckerhut und Endivien, Astern, Löwenmäulchen und Schleierkraut, Buschbohnen, Tomaten hochgezogen am Holzstab, Marillen am Spalier an der Hauswand und lange Reihen von schwarzen, roten und weißen Ribisel. Diese zu pflücken bedeutete für uns Kinder immer einen absolut langweiligen Tag zu verbringen, hockend unter einer Ribiselstaude, ausgestattet mit einem 10l Kübel und dem nachdrücklichen Auftrag: „Der muss voll werden!“. Ribiselsaft schmeckt mir bis heute nur sehr bedingt. 

Keramikfliese, roh

In meiner Werkstatt muss ich mich dieser Tage entscheiden, wie ich mit getöpferten Erinnerungsstücken weiterverfahren möchte:
Ungebrannter Ton verändert sich bei Regenwetter drastisch, zerfließt und wird zu Erde (deshalb ist es auch so sympathisch leicht, Lehmhäuser zu recyceln!),
gebrannter Ton kann Jahrtausende überdauern…

Hochbeet

Im Waldviertel wurden Holzbienen und Felsenbirnen gesichtet.

Im Waldviertel geht man in den Wald und findet Schwarzbeeren und Steinpilze, ohne danach gesucht zu haben.

Im Waldviertel  liegt jedes Haus aus in Gehreichweite zu einem Teich, in dem man schwimmen kann.

Im Waldviertel bauen sie unvergleichliche Hochbeete, das sind wahre Kunstwerke!

Im Waldviertel belässt man genügend Grünstreifen zwischen den Äckern, damit sich Kiebitze wohl fühlen und mit viel Wirbel über unsere Köpfe ziehen.

Im Waldviertel dürfen Kornblumen im Getreidefeld wachsen.

Im Waldviertel macht meine Schwester einen Sensenmähkurs.

Im Waldviertel kannst du ganz unkompliziert ein Zimmer mit Blick auf den Kreuzgang mieten.

Und: 
Im Waldviertel hab ich eine sehr spezielle Form von Barfußgehen kennengelernt: da ist es üblich, sich die Schuhe auszuziehen und mit den Socken über die Flure und steinigen Wege zu spazieren, möglichst nah dem Erdboden und möglichst schmerzfrei für die Fußsohle. Das ist in der Gegend von Gmünd die übliche Gangart, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen!

Wer wagt es, diesen Landstrich als vergessen zu betrachten!

In meiner Werkstatt entstehen dieser Tage Regenpfützen.
(Sind beim Fotografieren verdampft)

Vogelkirschen

Ich kenne keine bessere, den Geschmack betreffend, als diese: bitter, schwarz, rauchig, tief.
Jene Kärntner Nudel
gefüllt mit Vogelkirschen, 
die man zuvor getrocknet (nicht entkernt!) und gemörsert hat, 
vermengt mit Topfen, Erdäpfeln, Gewürzen und Munggn (altkärntner bäuerliche Speise aus Hafer-, Gersten-,Roggen- und Bohnenschrot), 
die nur Eingesessenen schmeckt, 
weil sie die besondere Konsistenz von klein auf gewöhnt sind
und die Gäste von auswärts nicht in den Schlund bekommen, 
weil sie Angst haben,  sich mit den groben Kirschkernteilchen der aufwändig zubereiteten Fülle zu verletzen,
sind mir deshalb, also aufgrund des Geschmackes, die allerliebsten. 

Die langen Tage werden ab heute wieder kürzer. Gott sei Dank, dann muss ich nicht mehr so lange arbeiten! sagt der Herr Gemahl, er, der die Taghelle für sein Tagwerk nutzt und dem Anschein nach das Winterdunkel dem Sommerlicht vorzieht. Die Bäume voller Kirschen, der Tag voller Licht und einen willigen Gespann, der die Leiter raufsteigt. Alles passt perfekt!

weißer Ton, ungebrannt

In meiner Werkstatt entstehen zur Zeit tropfende Gefäße, die mich im Winter trösten werden.

Melde

rote Gartenmelde

Die wächst heuer wieder einmal ohne unser Zutun. Und findet durch die ansprechende Farbe Platz in nur allen erdenklichen Speisen. Salaten, Saucen.
Ich höre davon, dass die grüne Schwester dieser Unerschütterlichen gleich nach dem Krieg Hauptnahrung war. Ein Unkraut, das auf dem Schutt zerbombter Häuser wucherte. Leitet sich daher das Wort „unerschütterlich“ her? Unerschütterlich vor sich hinwachsend?

Heuer sehen die Gärten, in die ich schauen darf, besonders ausführlich umsorgt aus. Und jede Gärtnerin, jeder Gärtner verfolgt Lieblingsstrategien: „Ich setze nun seit Jahren mehrere Wolfsmilchpflanzen gegen Wühlmäuse, das hilft allerdings überhaupt nicht!“,  erklärt mir der begnadete Gärtner. „Verwende weiße Lichtnelkenblätter für den Spinat, die schmecken dezent säuerlich-herb.“, empfiehlt mir die wildkräuterkundige Freundin. „Machen Sie in Zukunft Kraterbeete, damit sich der Tau sammeln kann!“  schlägt die Klimaforscherin aus dem Radio vor. „Ich hab mein Lebtag die Erdäpfel in eine Mulde gesetzt, diese erfolgreiche Idee hat mein Mann aus der Asten mit in die Ehe gebracht, erzählt die Minut Lisl. „Kein Baum wächst in den Himmel“, sagt meine Mutter.

Steinzeugteller

In meiner Werkstatt entsteht zur Zeit immer noch Gebrauchsgeschirr. Langsam und kontinuierlich an einem Lehm-Rund arbeiten, das ist Arbeits-therapie für eine an der Seele Ermüdete.

Stein

Heiliger Stein, Mitterretzbach

Ihm wird Heilkraft nachgesagt. Nicht bloß dem Ort, an dem er sich befindet, auch dem Stein selber. Soll ich meinen Kopf auf ihn legen, ihn umarmen, ihn konzentriert anschauen? Soll ich von ihm abbeißen, ihn abschlecken, ihn auskratzen und das Pulver in meinen Tee streuen?

Wir befinden uns 200 Meter von der Tschechischen Grenze entfernt. Alle Viertelstunde fährt ein Militärfahrzeug vorbei, um zu kontrollieren, dass unsereins nicht doch über die Grenze geht. Vielleicht kontrollieren sie auch unsere Distanz zueinander. 

Ich sehe eine Frau mit einem weißen Kopftuch in ihrem Vorgart’l jäten. Sie trägt das Kopftuch auf jene Art, wie es meine Großmutter getan hat – und Sophia Loren. In dieser Kulisse fühle ich mich um Jahrzehnte zurückversetzt.

Flache Teller

In meiner Werkstatt entsteht dieser Tage wieder einmal Gebrauchsgeschirr. Die Menschen sind hungrig nach Einzigartigem, Unverwechselbarem. 

Gartenzaun


Nachbarn zu haben hat immer mindestens zwei Seiten.
Man hat sie, ob man sie will oder nicht will. 
Sie haben einen, ob sie wollen oder nicht. 
Manchmal stellen sie dir gutes Essen mit dazu gelieferter Tischdecke vor die Tür, manchmal anderes.
Manchmal denke ich zum Beispiel an Viktor Orban, wenn ich an Nachbarschaft denke.
Manchmal summe ich das Lied, das Helmut Qualtinger so wunderbar interpretierte, direkt über den Gartenzaun: „A Rücksicht, a Nochsicht, do miassat i speib’n…“.  Den weiteren Text hier wiederzugeben, ist mir peinlich und gäbe Einblick in die Untiefen einer schwachen, einseitig fokusierten Seele. (Kann die Seele grantig sein?!)

Die Fenster jedoch, in Alternativen zu denken, stehen sperrangelweit offen: Höflich sein, Irritieren durch Freundlichkeit, eine kleine Reise unternehmen und lange weg bleiben, den Gartenzaun pink streichen, sich im Stillen Schönes vorstellen, anstelle des vorher zitierten Liedes „Yesterday“ anstimmen…

Heuer setze ich die Melanzanipflanzen zu den weißen Bohnen und den Kohlrabi zu den Roten Rüben: auf eine gute NachbarInnenschaft!

Alm

Stehen bleiben und schauen

Mich erzogen eine Handvoll Menschen, unzählige Pflanzen, Bäume, Wälder, die Bachlandschaften, ein paar wenige Tiere, vor allem Kühe und die Alm.
Lieben lernte ich von einer Handvoll Menschen, unzählige Pflanzen, Bäumen, Wäldern, der Bachlandschaften, ein paar wenigen Tieren, vor allem Kühen und der Alm. Daraus erwuchs mir meine Stärke, mit der ich für meine Täglichkeiten mein Auslangen finden muss. Alle miteinander haben gute Arbeit geleistet. Es ist genug da!

Das Laufen über Wiesen mit schwingenden Armen, das Trödeln in Mutters Näh-Werkstatt, dem Vater nur sehr widerwillig bei der anstrengenden Holzarbeit helfen, Laubhütten bauen, verbotener Weise im Bach herumklettern, Tollkirschen verkosten, beim Butterrühren nur Zuschauen dürfen, den Luxus sehr einfacher, geschmacksintensiver Lebensmitteln noch nicht zu schätzen wissen, nicht ahnen, dass man in ziemlicher Abgeschiedenheit lebt, es wäre auch bedeutungslos, den herb-rauchigen, kalten Duft von Schnee riechen und dabei glücklich sein, den Kühen vorsichtig Heu in den Futtertrog streuen und in riesengroße Augen blicken.

Der große Bruch erfolgt mit dem Eintritt in die erste sogenannte Erziehungsanstalt. Jetzt ist es aus mit Erziehung und Liebe. Ab diesem Zeitpunkt soll ich mir auf jeden Fall eher dumm, formbar, klein, gehorsam und noch nicht lebenstüchtig genug vorkommen. Es ist nie genug.

Warum ich gerade jetzt darauf zurück komme?
Weil ich mir in diesen Wochen des Rückzuges so vorkomme, als ob ich wieder auf der Alm lebte, nur ohne Alm. 

Diese ganze unabsehbare Vergangenheit hat die Rolle mitgezeichnet, die mir aufgegeben ist. In nur sehr kleinen Schritten verlasse ich Vertrautes.

Vogelmiere

Meinen Kopf in deinen Schoß legen

In der Natur ist es ein Leichtes, sich eins zu wissen mit Allem. Zum Beispiel liegend in einem Bett aus Pflanzenpolster und Vogelstimmenwolken.

Berührt sein vom Ast der Trauerweide, den der Wind an meiner Wange vorbeistreifen lässt, von der Nässe des Regens, vom von der Sonne aufgewärmten Holz der Bank am Teich, von der krümeligen Erde des Komposthaufens, die durch meine Finger rieselt.

Auch der Mensch hat unendliche viele Möglichkeiten, sich menschlich zu wissen:

Berührt sein vom handgeschriebenen Brief, aus dem Postkasten genommen, aufgerissen und mit den Augen verschlungen, von der Lieblingsspeise, vor der Haustür abgestellt – eine liebe Nachbarin hat für uns mitgekocht, vom Vibrieren einer menschlichen Stimme ganz nah an meinem Ohr über mein Handy, vom flackernden Licht des Kerzenscheins am Abend vor dem Fenster, vom Johanniskrautöl, das langsam einzieht auf meiner Haut, von der Weichheit des selbstgestrickten Schals, vom Duft der frisch gewaschenen Bettwäsche, auf der ich raste. 

Es bricht doch nicht gleich die Welt zusammen, wenn 3 x 3 Wochen lang kein anderes Programm angeboten wird…?