30. Jänner 2014

Lieber Linhart!

stille


Die erste Zeile in Ihrem letzten Brief berührt mich . (Still. Psssst.)

Auf der Suche nach einem zumutbaren Umgang mit den ungestillten Sehnsüchten eines langen Lebens erscheinen mir so ein Satz und die Unwirklichkeit dahinter als erhellende Möglichkeit. Wenn ich mir was wünschen darf: Weiter so, Sie Alltagsheld! 

Die vergangenen drei Nächten entführen mich meine Träume in die Berge…immer wieder auf die Alm gehen wollen…immer wieder dem Wasser nach.…zu vergessenen Orten und Menschen…Auch hier parkt eine Sehnsucht.

In Wirklichkeit gehe ich zu Fuß von Niedersulz nach Kettlasbrunn. Dieser Weg dauert gleich lang wie der Flug von Wien/ Schwechat nach Montpellier. Das haben meine Tochter und ich am Sonntag herausgefunden!

M.

 

17. Jänner 2014

Liebe Plössnig!

Mein Lieblingsgedicht ist die letzte schöne Erinnerung an sie. Eines der besten „Mond dem Vulkan“ von Ingeborg Bachmann und oft im Ohr habe ich Theodor Kramers „Lass still mich bei dir liegen“.

Dass ich sie kurz vor Silvester trotz Weinkauf nicht zu Gesicht bekommen habe, gibt meiner Seele wachsamen Untrost.

Nein, böse Menschen interessieren mich genauso wenig wie brave. Ich schätze  Eigenschaften.

Die guten sind leider fad, die ehrlichen anstrengend, aber die aufmerksamen  Mischungen aus offener und standhafter Handfestigkeit liebe ich.

Das Alter an sich halte ich für eine Nebenerscheinung.
Bleiben sie an sich dran.

Ihr
Herr von Linhart

 

……….

Honig und Nüsse den Kindern,

volle Netze den Fischern,

Fruchtbarkeit den Gärten,

Mond dem Vulkan, Mond dem Vulkan

…………………..Auszug:Ingeborg Bachmann; Lieder von einer Insel, 1954

……..

 

 

24. Dezember 2013

Lieber Linhart!
weihnachten


Ihre Nachricht
klingt sehr werbend. Ist das eine Anmache?

Allein – meine drängende Frage nach Ihrem (Lieblings-)Gedicht beantworten Sie nicht!

Soll ich mich an das Christkind wenden oder die unerfüllte Sehnsucht mit GV runterspülen. Die geringe Menge des Muskatellers reicht dafür ja kaum.

Ihrem letzten Schreiben entnehme ich auch, dass Sie an Menschen interessiert sind.
Auch an den bösen?


Themenwechsel. Ich ertappe Sie in letzter Zeit des Öfteren dabei, dass Sie sich direkt lustvoll mit dem Älterwerden beschäftigen. Das berührt mich. Vor allem unangenehm. Ich bin wohl ein gehorsames Kind unserer Zeit, in der man als höchste Güter die ewige Jugend und die Gesundheit anbetet, und mich dadurch zur Sachbearbeiterin der eigenen Lebensfunktionen degradiere.

Es würde mir reichen zu lernen, ein schlechtes Leben mehr zu fürchten, als den Tod!

Frohe Weihnachten!
Auf das Leben!
P.

16. Dezember 2013

Liebe Plößnig!

Wann wird er denn gefüllt – der Muskateller Ihrer Tochter? Ich erinnere mich, dass der Nexinger doch auch früh gelesen wurde. Legen Sie mir doch was auf die Seite. Und für das Weihnachtsfest benötige ich noch zwei Schachteln Weinviertel DAC. Eine für das Christkind, eine für mich. Am liebsten wäre mir die Übergabe bei einem sogenannten Geheimtreffen. Sie dürfen den Ort und die Uhrzeit wählen, ich die Kleidung!

dopplerw

 

P.S.: Die neuen Etiketten samt Kartons sind sehr cool.

27. November 2013

Die Nacht zum Tag
alkmaarstrassenbeleuchtungweb

Lieber Linhart!

Mein Gatte hat den Kellerschlüssel da versteckt, wo sie ihn schon lange gefunden haben! Der ohnehin knapp bemessene Muskatellervorrat minimiert sich stündlich, sie Schlingel!

Oder verdampft er?!

Bei mir beginnt der Advent ab heute. Die Heilige Katharina stellte den Tanz ein. Ich verzichte ein paar Tage lang auf Alkohol. Ich putze also nicht in dieser Zeit. Ich könnte anstelle dessen ein Gedicht suchen. H. Staudinger gibt im „brennstoff“ dazu eine einladende Anregung:

„Weihnachten steht vor der Tür. Schenk dir ein Gedicht. Lern es auswendig, um es inwendig dabei zu haben.“  Welches würden denn sie dafür aussuchen wollen?

 Plößnig

 P.S.: Das gute an unserer neuen, flutlichtmäßigen Gassenbeleuchtung Marke Fußballplatz: Wir können nicht nur auf Alkohol sondern auch auf Lichterketten, leuchtende Weihnachtsmänner und Echt-Kerzen verzichten. In unserer Gasse wird die Nacht zum Tag! Da kann ich auch viel besser auf eine blankgelegte Zukunft vorausschauen!

Und wenn das alles nur zu 10 % stimmt, was da geschrieben steht, dann ist die Heilige glücklich und dankbar für dieses Geschenk. Ist das wahr?

 

26. November 2013

Liebe Plößnig!
hollandweb

Hat länger gedauert. War viel unterwegs. Die Bühne ist schön, aber nur ein kurzes Zuhause. Für den Auf- und Abstieg in diese wunder (bare) Welt brauche ich viel Zeit.

Ja, ich bin gerne am Land. Die Stadt habe ich verlernt. Ist mir alles zu    . Wirklich abgehen tun mir eigentlich nur die Kaffeehäuser im November.

Sie waren in den Niederlanden, für Ihre Hochgebirgsherkunft sicher ein tief gehendes  Abenteuer. Oh Gott, mit Ihnen in den Grachten fahren muss schön sein. Wussten Sie, dass in Amsterdam ein Auto pro Woche in die Kanäle fällt?

 HvLinhart

 P.S.: Staubt es im Weinkeller noch, oder kommt schon Klarheit an den Tag? Das würde ich auch gerne kosten. Sie müssen doch wissen, wo ihr Gatte den Kellerschlüssel versteckt hält.

 

 

 

23. Oktober 2013

Überall so viel überspannte Liebe.
yppenplatz

Lieber Linhart!

Später Oktobermorgen mit früher Sonne.
Ich sitz am Yppenplatz in Wien.

Trinke guten Tee. Serviert von einem freundlichen, mit norddeutschem Akzent sprechenden Kellner.
Mir gegenüber drei Litfasssäulen mit Hinweisen auf Ausstellungen von M. Kos. Werner Schwab wird auf einer Tafel über einer Hauseinfahrt zitiert: “Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen.“

Frauen und Männer mit oder ohne voller Einkaufstaschen – v. a. in Trolleys versteckt – ziehen an mir vorbei. Manche von ihnen tragen Blumensträuße aus Hartriegel, Pfarrerkapperl, Trockengräsern und späten Astern – Gekauft am nahen Bauernmarkt.
Zwei übrig gebliebene Nachtschwärmer beklagen: “Der Alk is scho aus!“.

Am NachbarInnenplatz diskutieren zwei Paare über den Tagesplan, Kinder in Kinderwagen, auf Rollern oder Rädern rollen über den Platz.

So viel Trubel!
Soviel überspannte Liebe – ich find das irgendwie schön!

Jetzt bestell ich doch 1/8 Wein!
Plößnig

P.S.:
Leben Sie gerne am Land?

 

 

16. Oktober 2013

weintrauben8Liebe Plößnig!

 Sie lesen doch.  Morgen Trauben  in Erdpreß (und sonst?). Ich höre von einem  durchwachsenen Weinjahr. Fluch und Segen sollen aber näher beieinander sein als in vergangenen Jahren.

Das weckt die Neugierde. Und Sie müssen sicher viel kochen für die LeserInnen, – was am liebsten?

Ich weiss nicht, was sie gegen das Mittelmeer haben, … unlängst war ich in Salzburg, Sie wissen schon: die Stadt zwischen Himmel und Hölle. Kunstsinniges Bürgertum nahe der Selbstüberschätzung und eine Stadt zum Schreiben (nicht zum Wohnen). In einem Kaffee an der Salzach habe ich auch an Sie gedacht.

 

regen im fluss

mit schon leis´geschmolznem schnee

der oktober fliest auf und davon

lieber keine zeitung lesen

dass dem kopf die leere bleibt


HvLinhart

P.S.:
Ich glaube, dass Biowein mehr manuelle Arbeit bedeutet, aber der Erfüllung näher kommen kann als konventioneller Weinbau.

7. Oktober 2013

„Der Vernunft fehlt die Würze“,

lesetischambodennexingw

 

meint Joseph Beuys. Allein – ich bin genau mit diesem meinem Körper geboren, ausgestattet mit dieser meiner spezifischen Mischung aus Vernunft, Unvermögen und Leidenschaft. So wie ich bin, bin ich ich.

Und sollte es wider Erwarten doch um Bewegung gehen – da ist mir der Tanz am liebsten. In ihm findet sich auch meine bescheidene Erfahrung mit türkischen Männern: Tanze ich einen traditionellen, türkischen Kreistanz, tanze ich vermutlich Jahrhunderte lang gespeicherte männliche Erfahrung…

Woher nehmen Sie das Wissen ob türkischer Frauen?!

Alles in allem reicht meine diesbezügliche Neugierde nicht einmal ansatzweise als Anstoß/Rechtfertigung/Reiz uswuswusw f. eine Mittelmeerkreuzfahrt (sei es mit oder ohne Landgang).

Schade um die Zeit!

Fragen Sie doch, ob ich mit Ihnen in die tausend Augenblicke meiner Geschichte zerfallen möchte….darüber könnten wir eher verhandeln!

 Plößnig

 

PS: Von unserem Hauptbeweggrund einander zu schreiben, dem Weintrinken, haben wir uns schon ziemlich weit entfernt. Dabei frag ich mich zwischendurch immer wieder, wie Sie es halten mit dem biologischen Weinbau…wie Sie so viel Natur aus halten?

 

2. Oktober 2013

Liebe Plößnig!

 jungfernlesemuskatellerw

Liebesbrief-Ghost-Writing halte ich für Stumpfsinn, obwohl ich gerne so eine Firma für Sie alleine gründen würde. Zur Tat wird es aber dann wieder nicht kommen.

Ihre Spielaversion richtet sich wohl gegen den sogenannten  Mainstream, der die Masse ruhig hält, oder ausrasten lässt, je nachdem, wer gegen wen unterwegs ist.

Hin und wieder bewundere ich türkische Männer, die in großen, verrauchten  Hallen gleichzeitig Fußball schauen, Pizza essen, das Weltgeschehen besprechen, „telefonieren“ (also verzweifelt an sinnlosen Handyapps naschen) und   – das halte ich für wesentlich – dabei ihren Frauen nicht auf den Geist gehen.

Seien sie doch froh über Orte der stupiden Massenflucht und billigen Antidepressiva-Einrichtungen, so wird Ihr Abseits doch erst richtig schön groß und Sie können den Weltschmerz auch nach den Wahlen auskosten!

  Auf ein P.S. verzichte ich.
Ihr Hr. von –

Verzichten ist scheisse.

P.S.: Würden Sie mit mir an einer Mittelmeerkreuzfahrt teilnehmen, zumindest am selben Schiff?