14. Juli 2016

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Lieber Herr Jubilar!
Aus gegebenem Anlass
und weil ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass wir uns beim Thema „Streiten“ vorsätzlich und gründlich missverstehen (wollen).wechsle ich heute gerne meinen Blickrichtung:
Alles Gute zum Geburtstag!
Die vergangenen drei Wochenenden waren geprägt von jeweils einem Begräbnis und einem Geburtstagsfest. Alle sechs Feiern haben Spuren in mir hinterlassen:
Hab ich mich hinein begeben ins Zentrum. Ins Aktuelle. Ins Bleibende. In das, was war, ist und sein wird. Ich bin hin und hergerissen, ob ich das Leben als etwas ganz Großes oder etwas ganz Schlichtes ansehen will. Diese Dichte an Festen rückt mich in Richtung Bescheidenheit.

200 kg frischer Ton liegt im Keller.
Erde zwischen meinen Fingern.
Das wünsche ich Ihnen auch.
Fruchtbaren Boden.

Noch leben wir!
Ihre Plößnig

 

 

 

12. Juli 2016

Liebe Plößnig!~
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Ist Streit der Regen in einer Beziehung oder die Schlammschlacht?

Zum Streiten, wie Sie sich das lustvoll vorstellen, sind die meisten Männer, also hochgradig auch ich, einfach nicht geeignet. Es tut mir leid, aber schon der Vorlärm eines zünftigen Wickels löst bei mir eigentlich nur Umfahrungsstrategien aus. Was aber liebe Plößnig ist das Ziel eines Streites, in dem Sie sich so beheimatet fühlen und kann einer wie ich, der es scheinbar nicht gelernt hat zu streiten, kann solch einer gar lieben? Was ist wirklich das liebenswürdige am Streit, außer die Wärme, die bei Reibung entsteht?

Gut, ich muss mich bei Ihnen nicht dümmer stellen als ich bin, aber die Grenze zwischen Streitkunst und Gewaltausübung an der jeweils schwächeren Person ist fließend, launisch und extrem tagesverfassungsabhängig. Wie soll das ein Mann schaffen?

Auf der anderen Seite gehen Streits laut meiner spärlichen Beobachtung zwischen Männern oft gimpflicher aus, als in der Damenwelt. Sind wir da jetzt von der Natur bevorzugt, oder benachteiligt?

Sie sehen, wie lange ich mich über etwas unterhalten kann, wovon ich nichts verstehe. Und zum Schluss mein vielleicht untergriffigster, dilettantischster aber immer noch um ihre Aufmerksamkeit betteldnster Satz: Streiten Sie noch, oder leben sie schon?

Ihr unwürdiger Linhart

P.S.: Streiten Sie schon, oder leben Sie noch? (Klingt auch gut.)

15. Juni

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Traurig sein ist das Eine.
Immer traurig sein bedarf wohl einer näheren Betrachtung.
Dieser Tage möchte ich mich dagegen wehren. Das viele Licht, die vielen Sonnenstunden bestärken mich.

Ich wehre mich zum Beispiel dadurch, dass ich auf Kurzreisen gehe. Mir Passau ansehe und mich darüber freue, wie sich drei Flüsse quasi an einem Punkt unaufgeregt aber nachhaltig vereinen. Ich wehre mich dadurch, dass ich mich ein Wochenende lang von Menschen bekochen lasse, obwohl die das gar nicht müssten, die es tun ohne viel Aufhebens und mich noch dazu in interessante Gespräche über die Mentalität des Innviertlers und überhaupt verwickeln. Und ich wehre mich dadurch, dass ich Streit suche. Da, wo er sehr leicht zu finden ist. Ich weiß, DAS gefällt Ihnen überhaupt nicht.

Streit ist doch eine wunderbar leidenschaftliche Ausdrucksweise des Suchens! Da ist noch nichts geklärt – vieles offen – auf dem Tisch und mit großer Emotion garniert…Quasi ein Höhenflug der Gefühle. UND: beim Streiten werden viele Fehler gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste…das darf man doch sonst fast nirgends mehr…Welch großer Liebesbeweis, wenn ich mit jemandem streite :)!

2. Juni 2016

Liebe Plößnig!

Ich bin oft außer mir und funktioniere einfach. Die großen Gefühle haben kleinen Alltagswelten Platz gemacht. In der Schule, in der ich unterrichte, haben scheinbar alle Hofer gewählt. Niemand denkt nach. Rundherum werden Prüfungen aufgesagt, aber niemand denkt nach. Die Köpfe sind voll und die Herzen blutleer.

Das Theater hält mich Oberwasser. Ich habe zwar zu wenig Zeit dafür, aber eine Scheinwelt zu konstruieren, ist eine erstaunliche Realität!

Plößnig, ich mag ihre Traurigkeit. Sie denken so schön nach.

30. Mai

Linhart, wo sind Sie?
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Jetzt sieht es nach Sommer aus und es ist licht und ich wandle von einer Feier zur nächsten…hätte also allen Grund, mich des Lebens zu freuen. Nein, ich leide still vor mich hin. Langsamen Schrittes und müden Auges.

Aktivitäten, die in solchen Fällen normalerweise helfen (Sauna, Marmelade einkochen, Spazierengehen) , helfen jetzt nicht, weil es gar nicht so weit kommt. Dabei handelt es sich nun nicht um irgendwelche zufälligen Lebensprobleme, sondern um das Problem des Lebens selbst.

Dabei hatte ich mir vor ungefähr zwei Tagen fest vorgenommen, nicht mehr zu jammern. Nicht über das überraschungsarme Dorfleben, nicht über die vielen Hofer-WählerInnen, nicht über die Volkskrankheit „Angst“, die jede irrationale Handlung rechtfertigen soll,…

Und jetzt dieser Tiefschlag.

Es ist heiß. Jede halbe Stunde seh ich nach, ob sich endlich die Gurkensamen zu einer annehmbaren Pflanze entwickeln. Die Wäsche ist gewaschen und weht im Wind. Eine Portion Pasta mit Knoblauchsauce würden jetzt genau passen.

30. April

Lieber Linhart.

ich bin kurz angebunden.
Ich lass mich in meinem Tagesablauf ständig unterbrechen. Meistens von meinen eigenen Gedankensprüngen.
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Erstens: Wanda ist cool!
Zweitens: Das weich gekochte Frühstücksei vom geschenkten Sulmtaler Hendl, das im Nachbarwald lebt, genossen mit Ihnen am Tisch –
Guten, sagt er
Morgen, sagt sie. (B.Brecht)
Drittens: In Japan werden Zahnärzte schon gebeten, die Zähne schräg zu stellen, des Charmes wegen, dass einem aus dem Verwilderten entgegenströmt
Viertens: Gut, dass wir die Wahl haben!

Bleiben Sie guter Hoffnung!
Ihre Plößnig

 

11. April 2016

Verehrte Plößnig!

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Wauw! Sie schreiben an einem Roman (über mich auch?)! Ihr Erzählfluß hat sich gesalzen. Sie haben das Meer als Ratgeber. Ich bin beeindruckt. Glücklich, der an ihrer Seite reist.

Ich war im Koma. Also in der Beschäftigung mit Beistrichen und Pausen, nur das Ungesagte füllt ein Theater mit der Wirklichkeit. Und im All war ich auch. Das Internet ersetzt die Seefahrt, gewürzlos. Leuchttürme sind zu Handymasten verkommen.

Ich liebe den Nachspann. Im Kino, so wie in der Kirche das letzte Orgelstück, ein Stadion, das sich leert und das Fluchtachterl beim Heurigen. Übrigens: Ihre neue Homepage findet Beachtung, das wünsche ich den Weinen auch.

Ich schreibe in mein Tagebuch einen Gastkommentar. Zu spät gekommen, zu mir selbst. Da tanzt das Gefühl die Sehnsucht aus dem Lot.

Ich glaube, ein außergewöhnlicher Mensch ist einer, der sich an die Welt nicht gewöhnen kann. Einer, oder eine mit entdeckungshungriger Seele. Berühmtheit interessiert ihn oder sie nicht im Geringsten.

Ich zweifle an der Liebe. Nur so lässt sie sich konservieren.

 

27. März 2016

Weinincrevenica
Lieber Linhart!
In Lovran zu einem Urlaubsende kommen.
Noch die Klänge der Osternachtgesänge im Ohr. Die kroatische Langsamkeit beim Psalmodieren liegt mir im Blut. Vertrautes klingt mit, obwohl ich kein Wort verstehe. Der Karfreitag in der Kirche Lovran hingegen ist entrückt. Eine grotesk tröstliche Stimmung entfaltet sich unter der Kuppel der kleinen Kirche. Die uralten, zusammengeflickten Mauern der Kirche trennen die idyllisch touristische Außenwelt vom Innen, das mich wie ein schauriges Theaterstück in seinen Bann zieht. Für einen Moment lang. Ein hölzerner Christus im Grab, eingebettet in ein Meer von Lilien und Grünpflanzen; eine Frau murmelt – wohl ein Gebet – leise vor sich hin, legt ihre Hand auf das tote Holz, streicht zärtlich darüber, ein paarmal,…zwei rotgewandete Ministranten, die wohlgelaunt dem Priester nachrennen, der ein Schaugestell mit den Leidenswerkzeugen aus der Kirche trägt. Das wunderschöne Deckenfresko der Apsis nimmt meinen Blick gefangen, zieht ihn hinauf in ewig gestrige Zeiten. So ist der Ausnahmezustand des Glaubens an das außergewöhnliche Raumgefühl gebunden.

Das Achtel Weißwein beim Wirt gegenüber der Kirche schmeckt hervorragend.

Was kostet ein Kinderwagen?
Sind Kissing Spots eine gute Idee als Belebung der Sinne für ein Kaff wie Niedersulz?
Wohin mit den vielen eigenen Bedürfnissen nach „Sinnerfüllung“?

Wo war die Liebe?

Das Museum der Stadt Rijeka betört durch einen zurückhaltend Höflichen. Er kassiert das Eintrittsgeld. Er beschreibt den Weg durch die Ausstellungen. Nach einer Stunde des Betrachtens und des Schauderns vor allem über jenen Teil, der den vergangenen Bürgerkrieg einzufangen versucht, bin ich müde – nicht zuletzt der fremden Sprachen wegen. Ich trenne mich von meinem Mann und setze mich in der Eingangshalle auf eine Steinstufe. Dem Höflichen gegenüber erwähne ich meine geistige Müdigkeit. Er bringt mir eine schriftliche Übersetzung der Ausstellung. Und lächelt scheu. Er möchte mich munter halten.

25. März 2016

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Lieber Linhart!
An der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien werden unsere Pässe angeschaut. Sowohl von der Slowenischen als auch der Kroatischen Polizei. Im März 2016. Das ist befremdlich – obwohl ich diese entwürdigende Situation ja von frühen Reisen kennen sollte.
Ikea und H&M hingegen sind grenzüberschreitend allgegenwärtig. Brauchen die auch Pässe?

Seit Tagen bin ich mit jemandem wie Ihnen in der Kvarner Bucht unterwegs. Vielleicht stimmt das auch gar nicht und ich wünsch es mir bloß. Weil „Küste“ und „Meer“ so vielversprechend klingen. In meinen Ohren jedenfalls. Vor Kurzem herrschte hier noch Krieg. Handgreiflicher Krieg. So richtig mit Waffen und Toten und großer Weltpolitik. Diese Welt ermüdet mich. Ich möchte nichts weiter als Kaffee trinken, zu etwas späterer Stunde dann einen Aperol Spritz und keine anstrengenden Gedanken an Effektiven Altruismus oder Menschenrechte oder meine kleine privilegierte Welt verschwenden. Die Anschläge in Brüssel weisen mich wieder darauf hin, dass es sich schon vor längerer Zeit ausgeträumt hat.

In Lovran läuft mir eine Katze zwischen die Füße. Sie ähnelt unserer Katze daheim derart, dass ich mich für einen kurzen Moment brüskiert frage, wie sie das denn geschafft hat, uns bis hierher zu folgen. Natürlich verwerfe ich diesen Gedanken dann gleich wieder. Mein schlechtes Gewissen ob meiner bescheidenen Tierliebe hält nur so lange an, bis ich um die nächste Ecke biege und plötzlich fünf streunende Kätzchen erblicke.
Ein perfekter Malvasier im Glas. Sonne am Himmel. Ein Korb voller Brot und eine Schale mit frischem Knoblauch-Olivenöl-Petersilien-Gemisch. Mir gegenüber sitzt ein sympathischer Österreicher J. Und dann ertappe ich mich bei dem Gedanken, einem frisch- freundlichen Kellner eine ausschließlich wirtschaftliche Absicht zu unterstellen. So weit hab ich es kommen lassen mit meinem Misstrauen. Das Trinkgeld soll hoch ausfallen!

23. März 2016

Rijeka
Lieber Linhart!
Es ist relativ kalt. Es regnet leicht.
In einem Kaffeehaus in Rijeka nehme ich mir gern die Zeit, um an unser Fest im Sommer zu denken.

Dieser 49. Geburtstag im vergangenen Dezember löst vermehrt Fragen aus.
Sie sagen, nehmen Sie das Älterwerden doch nicht so ernst.
Das scheint mir der beste weil entspannteste Zugang zu den Begleiterscheinungen meines Zustandes. Es doch alles nicht so ernst zu nehmen.

Fragte mich jemand nach meinen glücklichsten Jahren, so fallen mir die ersten 7 ein. Also jene vor dem Eintritt in eine staatliche Bildungsanstalt.
An 3 dieser kann ich mich nicht wirklich erinnern. Da gibt es nur ein paar Bilder in Form von Erzählungen oder Schwarz-Weiß-Fotos. Zum Beispiel von einer Szene auf der Alm: Ich ein gutes halbes Jahr alt, sitzend auf einem Hackstock, den Blick in den Fotoapparat gerichtet, zu Füßen des Hackstocks ein Hund mit hochgestelltem Schwanz, hinter mir das sich nach oben hin öffnende Tal.

Und dann, wenn meine eigene verklärte Erinnerung einsetzt sehe ich einen jungen Menschen der sich frei, stark und voller Tatendrang in dieser damals sehr einfachen Welt bewegt.